Welches Stativ brauche ich?

Ein Stativ ist ein unterschätztes Zubehör für Fotografie und Video. Auf den ersten Blick sind es nur ein paar langweilige Stangen, doch ein Stativ ist vielseitig einsetzbar und sehr langlebig.

Ein Stativ kann man lange Verwenden...

Ein Stativ kann man lange verwenden…

Und das Beste: Bisher hat es noch kein Hersteller geschafft, es proprietär zu machen — also mit perfekter “Kundenbindung” — die Anschlußgewinde sind (in zwei simplen metrischen Größen, 1/4 Zoll zur Kamera, 3/8 Zoll für Stativköpfe) seit Jahrzehnten gleich. Lediglich bei Schnellwechselsystemen gibt es inkompatible Unterschiede. Das Stativ auf dem Foto aus dem Familienalbum ist seit etwa 1980 im Einsatz.


Wozu ein Stativ?

Ein Stativ ist eine Einrichtung auf der du deine Kamera befestigst, um sie nicht in der Hand halten zu müssen. Wozu soll das gut sein?

  • Der Klassiker: Nachtaufnahmen erfordern lange Belichtungszeiten, die du nicht Freihand halten kannst (wenn das Bild erkennbar sein soll).
  • Hast du schonmal ein Fernglas in der Hand gehabt? Es ist sehr schwierig bei starker Vergrößerung ein Teleobjektiv exakt auszurichten. Bei Tieraufnahmen oder Astronomie ist es unerläßlich.
  • Eine Kamera wiegt, und nach ein paar Minuten werden die Arme immer länger: Ein Stativ entlastet beim Gewicht.
  • Für Zeitraffer oder Zeitlupe soll die Kamera auf einen festen Punkt ausgerichtet werden, was nur mit Stativ geht.
  • Die “Entschleunigung” hilft bei sorgfältiger Bildkomposition.

Bei der Anschaffung bitte nicht am falschen Ende sparen, denn ein Stativ muß nicht nur das Gewicht der Kamera und des Zubehörs tragen — das können im Spiegelreflexbereich locker 1,5 kg und mehr werden — sondern muß auch bei der Bedienung zuverlässig stillhalten. Deshalb sollten die ausziehbaren Segmente nicht fingerdünn sein, feste Verschlüsse haben und vor allem muß die Befestigungsplatte für die Kamera solide verankert sein. Test: Würdest du ein Sixpack darauf stellen? Dabei bitte auch auf eine bequeme Arbeitshöhe achten, möglichst ohne eine komplett ausgefahrene Mittelsäule. Auch wenn es manchen überrascht, m. E. sollte man mindesten 100 bis 150 Euro investieren (notfalls lieber gebraucht als billig), es können zusammen mit einem aufwendigen Einstellkopf aber auch deutlich mehr als 500 Euro werden. Diese Ausgabe lohnt sich, da man ein Stativ auch gut für Nachtaufnahmen, extreme Teleaufnahmen oder Studiozwecke — zum Beispiel Portraits — einsetzen läßt. Ein gutes Stativ kann man deutlich länger als die Kamera verwenden, meine Amateur-Ausgabe ist mehr als 30 Jahre alt (Bilora Profilo 5013 ). — Es gibt unterschiedliche Ausführungen:

  • 3-Bein-Stativ
  • 1-Bein-Stativ
  • Tischstativ
  • Klemmstativ
  • Gorillastativ

Der Klassiker ist das 3-Bein-Stativ. Bei preiswerteren Ausgaben bekommst du alles zusammen: die “3 Stangen” mit einem fest montierten Kopf. Bei teuren Varianten werden die “Stangen” (das Stativ) und der Einstellkopf separat verkauft. So kannst du es individuell zusammenstellen oder bei Bedarf auch mal wechseln (sogar zwischen Herstellern). Das 1-Bein-Stativ ist eine Hilfe für unterwegs, wenn du mit langen Brennweiten arbeitest. Die anderen Stativarten seien nur der Vollständigkeit halber genannt und für “richtige” Kameras eigentlich nicht zu gebrauchen: Oft tragen sie das Gewicht schon nicht oder verstellen sich, wenn du Bedienelemente anfaßt. Man kann sie als Behelf oder — da wieder relativ sinnvoll — für Zubehör wie Blitzgeräte oder Lampen usw. nutzen.

Anforderungen an (m)ein Stativ

Mein altes Stativ ist eigentlich ziemlich unpraktisch, weil es einen fest montierten Kopf hat, der für Video gedacht ist — von meinen Eltern damals in einem “Fachgeschäft” (Fotografenmeister!) gekauft, und da war garantiert nicht vom Filmen die Rede. Trotzdem bin ich einigermaßen damit klargekommen: Kein Plastikteil gebrochen, die Klemmen für die Auszüge arbeiten einwandfrei, auch kein Rost an den Metallteilen. Ich habe zwar keinen Leidensdruck, aber noch ein paar Taler vom Geburtstagsgeschenk übrig.

Der Klassiker ist das 3-Bein-Stativ. Es wird in der Regel so bemessen, daß du es beliebig aufstellen kannst und es die Kamera auf “Arbeitshöhe” bringt, also zwischen 130 und 190 cm. Immerhin konnte ich 30 Jahre Erfahrungen sammeln und sehen, was andere so haben. So hat meine Freundin ein Manfrotto (ich fürchte, daß Bilora inzwischen leider nur noch Handelsmarke ist). Der Hersteller gilt als “nobel”, doch das ist nicht das entscheidende. Bestimmte Modelle erfüllen nämlich meine Wunschliste, die nicht unbedingt Durchschnitt ist. Wie immer mache ich eine Anforderungsliste, so daß ich bei der Recherche flott voran komme:

  1. je nach Modell gibt es Arbeitshöhen bis etwa 2 m, so daß ich nicht gebückt am Stativ stehen muß
  2. trotzdem gibt es die Möglichkeit, die Stativbeine sehr weit für bodennahe Aufnahmen abzuspreizen
  3. sehr pfiffig ist die Möglichkeit einiger Modelle, die Mittelsäule um 90 Grad schwenken zu können und sie so zu einem Einstellschlitten zu machen
  4. 3 Segmente (2 Auszüge) geben Stabilität, statt 4 Segmenten, wo das letzte eher wie ein Finger aussieht…
  5. Aluminium reicht vollkommen, wg. der Größe bringt Carbon m. E. nichts. Im Gegenteil, Standfestigkeit hat mit Gewicht zutun.
  6. der Kopf ist nicht fest montiert, so daß ich mir einen aussuchen kann bzw. muß

Lange Zeit ist das Manfrotto 55XPROB mein Favorit, wird aber inzwischen in einer überarbeiteten Version angeboten. Es erreicht eine Höhe von ca. 170 cm plus Kopf plus Kamera und kostet etwa 170 Euro — und ist ein ganz schöner Brocken. Sehr ähnlich, etwas kleiner und preiswerter (etwa 145 Euro) ist das Manfrotto MT190XPRO3. Es erreicht etwa 160 cm plus Kopf plus Kamera. Die 25 Euro gegenüber dem 55er sind zwar nicht die riesige Ersparnis, aber sie würden mir auch nicht wirklich einen Vorteil bringen. Außerdem kommt jetzt zwingend noch ein Stativkopf hinzu, der auch bezahlt werden muß.

a) Videokopf

Streng genommen bin ich seit Jahren mit dem falschen Stativ unterwegs — und wie ich immer wieder bemerke — nicht als einziger. Meine Eltern haben sich damals in gutem Glauben ein Videostativ andrehen lassen. Es läßt sich vertikal und horizontal gut schwenken, wobei der weit herausragende Hebel/Einstellarm behilflich ist, wie beispielsweise beim “Manfrotto MVH502AH Pro Fluid Videoneiger“.

Doch für Fotografie braucht man ihn nicht, er ist oft sogar im Wege. Das — in der Fotografie übliche — Hochformat ist manchmal gar nicht möglich, Schrägen über den Stativkopf auszugleichen ist ebenfalls nicht vorgesehen (variiere ich über den Auszug der Stativbeine). Leider werden gerade “preiswerte” Stative mit fest montierten Köpfen häufig mit dieser Variante ausgestattet. Für Fotografie nicht so gut geeignet und bitte nicht “auf Vorrat” kaufen, “falls man mal Filmen” möchte…

b) 3-Wege-Neiger

Mein jetziges Stativ ist eigentlich ein Videokopf. Als sinnvolle Alternative am nächsten kommt ein sogenannter 3-Wege-Neiger. Sinn einer solchen Konstruktion ist, die Freiheitsgrade separat einstellen zu können, ohne die anderen (versehentlich) zu verändern. Der Manfrotto MA 141RC Basic ist so konzipiert. Was wie Friktionseinstellschrauben aussieht, sind übrigens nur Feststellknebel: Losdrehen, Achse einstellen, festdrehen. Der Kopf ist mit ca. 70 Euro bezahlbar — doch leider ist er nicht mehr im Programm undManfrotto 3-Wege-Neiger (Quelle: Amazon)m. W. nur noch gebraucht aus einschlägigen Quellen zu bekommen.

Manfrotto 3-Wege-Neiger 141 RC
(Quelle: Amazon)

In Shops findet man unter dieser Bezeichnung zwar Stativköpfe, die aber m. E. abweichen. Probeweise bestelle ich mir deshalb einen Drittanbieter-Nachbau aus Aluminium für ca. 30 Euro. Er macht eigentlich einen guten Eindruck — vor allem, wenn man als Amateur nicht täglich damit arbeitet — aber das Schnellwechselsystem ist leider nicht 100 Prozent 200-PL-kompatibel. Natürlich gibt es auch einen “offiziellen” Nachfolger wie den Manfrotto MA 804RC2 Basic, der laut Liste an die 100 Euro kosten soll,bei Amazon aber um die 70 Euro zu bekommen ist — allerdings aus “Plastik “. Eine auch auf den ersten Blick solider erscheinende Variante aus Aluminium ist der Manfrotto MA 808 RC4 für stolze 145 Euro. Leider ist er nicht nur deutlich teurer, sondern verwendet auch ein anderes Schnellwechselsystem 410 PL.

c) Kugelkopf

Jede Achse einzeln zu bedienen kann manchmal ziemlich zeitraubend sein. Die Alternative Kugelkopf ist schnell, weil er mit einer Schraube alle Freiheitsgrade öffnet oder fixiert. Hier kommt es darauf an, daß die Kugel Stabilität bietet, einerseits leicht “läuft”, Manfrotto Kugelkopf 496RC2 Compact (Quelle: Amazon)andererseits auch nicht gleich “durchflutscht”. Am besten die Rezensionen lesen, da gibt es viel Feedback dazu.

Manfrotto Kugelkopf 496RC2 Compact
(Quelle: Amazon)

So einen Kopf gibt’s auch von Manfrotto “496RC2 Kugelkopf Compact” mit integrierter Schnellwechselplatte 200 PL für etwa 70 Euro. Mit ca. 30 Euro weniger als die Hälfte bist du beim “Mantona Kugelkopf” dabei, der viele gute Kritiken bekommt und ebenfalls das Wechselsystem 200 PL bietet. Der Hinweis “für Stativ Scout” ist ein wenig irreführend, er paßt auf jeden Unterbau mit 3/8-Zoll-Anschluß, oben zur Kamera gibt es 1/4 Zoll (womit auch das zweite Mißverständnis geklärt ist, es ist keine Adapterschraube gemeint).

Schnellwechsel-System

Bei vielen Stativen wird die Kamera direkt über eine 1/4-Zoll-Schraube über den Stativanschluß befestigt. Das ist mühselig und unpraktisch, wenn du die Kamera bei einem Standortwechsel nicht am Stativ transportieren möchtest oder du zwischen mehreren Kameras bzw. Stativen wechseln möchtest. Bei einigen Markenherstellern gehört eine Schnellwechseleinrichtung zum System, beispielsweise bei Manfrotto. Mit einem Stativkopf dieses Herstellers entscheidest du dich also auch für sein Schnellwechselsystem. Mit einem Stativkopf bekommst du die Halterung (323) sowie in der Regel eine Platte, meist vom Typ ” 200 PL (22 Euro; es gibt außerdem das größere System 410 PL). Unabhängig davon kannst du auch andere Stative damit nachrüsten, wenn du dir eine Manfrotto 323 Schnellwechseleinrichtung kaufst, die du auf dem vorhandenen Stativkopf befestigen kannst (ca. 34 Euro inklusive Wechselplatte). Das System 200 PL ist allerdings weit verbreitet und wird auch von einigen Drittanbietern genutzt, so daß es viele Angebote gibt.

Kleine Alternative

Das “normale” Stativ auf Arbeitshöhe hat allerdings den Nachteil, daß es sehr stabil gebaut sein muß, dadurch eher teurer und vor allem unhandlich wird. Carbon macht es leichter, aber nicht leicht und das Packmaß bleibt — oder es wird klapprig. Gerade für kleine Kameras und leichtes Gepäck lohnt eine Alternative.

Man kauft sich keine handliche MFT wie beispielsweise eine Lumix GM1, um dann ein vielfach größeres Stativ mitzuschleppen. Trotzdem braucht man gelegentlich ein Stativ auch für MFT. Ein Kompromiß ist das Velbon EX-323 mini: Weil es nicht auf “Arbeitshöhe” gebracht werden kann/soll, ist es deutlich kleiner und leichter als “normale” Stative. Es kommt mit knapp 26 cm Packmaß aus und wiegt etwa 390 g. Mit rund 33 Euro ist es allerdings auch nicht geschenkt. Ein kleinerer Bruder kostet etwa zehn Euro weniger, hat aber einen m. E. “windigen” Videoneiger.

Ich wähle das Stativ Kugelkopf aus, weil es solider wirkt und trotz Verstrebung noch eine “bodennah”-Einstellung bietet, was eine gute Standfestigkeit auch bei größeren Kameras ermöglicht (in der Normalposition ist mir der Schwerpunkt zu hoch) — die Bilder zeigen den Vergleich Lumix GM1 vs. Canon EOS 5. Im Einsatz stellst du es — für ungewöhnliche Perspektiven — auf den Boden, auf Mauern oder aufs Autodach. Darüber hinaus bietet es sogar noch ein weiteres Segment Auszug sowie eine ausfahrbare Mittelsäule. Zusätzlich kannst du solch ein Stativ auch sehr gut für Zubehör verwenden, beispielsweise für Blitzgeräte.

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