Was taugt der Preisbrecher Yongnuo 35 mm/f2 vs. Canon?

Seit ein paar Jahren ist ein 35-mm-Objektiv von Canon mein Lieblingsobjektiv. Mit f2 ist es nicht nur lichtstark, sondern bietet eine grandiose Schärfe. Leider wird es neu nicht mehr angeboten und die Nachfolger sind “natürlich” deutlich teurer.

2 x 35 mm: Canon vs. Yongnuo. (Bild: Luhm)

2 x 35 mm: Canon vs. Yongnuo.
(Bild: Luhm)

Wie gut, daß ich schon (m)eines habe. Doch was ist mit Fotofreund Detlef? Da taucht plötzlich eine interessante Alternative auf: Yongnuo — seit längerem bekannt für Blitzgeräte — bietet nun auch Objektive für Canon an: Einen “Nachbau” des bekannten 50 mm “plastic fantastic” für 50 Euro, aber auch ein 35-mm-Objektiv mit f2 für nur ein paar Taler mehr — ist es eine Alternative?

Zunächst ist das Objektiv nur schlecht zu bekommen, aber kurz nach Weihnachten 2015 wird es in einer Aktion bei Ebay für 90 Euro und Versand aus Deutschland angeboten (zeitweise wohl sogar für nur 80 Euro).

Wie immer ist dies ein Praxistest, ohne systematisches Fotografieren von Millimeterpapier — das machen andere besser. Außerdem nutze ich mit APS C nicht den vollen Bildkreis, so daß die bei Vollformat (KB) besonders kritischen Ränder “ausgeblendet” sind.

Yongnuo: Erster Eindruck

Während das 50 mm von Yongnuo dem Vorbild von Canon noch zum Verwechseln ähnlich sieht, unterscheiden sich die beiden 35-mm-Kandidaten deutlich, besonders durch die bei Canon vorhandene Entfernungsskala und Schärfentiefemarkierungen. Auch der Einstellring für manuelles Fokussieren ist unterschiedlich plaziert: beim Canon etwa mittig, beim Yongnuo am oberen Rand. Was besser zu bedienen ist, ist Geschmackssache. Entscheidend aber, daß der Ring im AF-Betrieb bei Canon entkoppelt ist, beim Yongnuo mitdreht. Gerade wenn du die Kamera mit der linken Hand abstützt, kann es passieren, daß du versehentlich diesen Ring blockierst. Auch wenn das Yongnuo vom look dem 50 mm plastic fantastic ähnelt, wirkt es vom feel erheblich wertiger. Laut technischer Daten hat es mit 7 Blendenlamellen sogar 2 mehr als Canon und wiegt mit ca. 155 g etwa 65 g weniger. Die kürzeste Einstellentfernung liegt bei beiden bei 0,25 m, was schon für Nahaufnahmen taugt. Beide Objektive sind übrigens “Vollformat” (Kleinbildformat; Canon EF), getestet habe ich allerdings unter APS C.

In Lightroom…

Bei meinem Praxistest habe ich beide Objektive dabei und mache unsystematisch unterschiedliche Aufnahmen. Dabei geht es nicht nur um Qualität, sondern auch um Handhabung. Ich mache mir natürlich keine Notizen, dazu gibt es ja Exif. Doch da mußt du schon genauer hinsehen. In Lightroom findest du in den Metadaten unter Marke und Modell die Angaben zur Kamera. Beim Eintrag Objektiv muß dann alles abgedeckt werden. Yongnuo meldet sich leider nur mit “35 mm”, während Canon mit “EF 35 mm f/2″ausführlicher ist. Ein Profil wird nicht automatisch erkannt. Wenn du manuell als Marke Canon auswählst, wird dem Yongnuo das Canon EF 35 mm f1,4 L USM zugeordnet und das Bild ploppt zumindest in die richtige Richtung. Ob die so vorgenommenen Änderungen hundertprozentig passen, sei dahingestellt. Alternativ kann man die besonders bei Weitwinkeln übliche Verzeichnung ja auch manuell korrigieren.

Testbilder mit Yongnuo

Auf den ersten Blick sind die Fotos, die ich mit dem Yongnuo mache nicht von Canon zu unterscheiden. Freihand schaffe ich es unterwegs, einen Metallzaun mit beiden Objektiven nahezu identisch abzulichten. Auch in der 1:1-Vergrößerung sieht erstmal alles gut aus. Ich erschrecke sogar, daß ein paar Fusseln bei Yongnuo sogar deutlicher sind — es ist aber letztlich eine leicht unterschiedliche Scharfeinstellung.

Schärfetest Freihand.

Schärfetest Freihand (Canon, RAW unbearbeitet)

Auf den ersten Blick scheint das Hauptgespinst (A) bei Canon klar, bei Yongnuo unscharf. Doch sowohl die “Koralle” (B) als auch die “Schnecke” (C) scheinen bei Yongnuo deutlich klarer. Dafür liegt Canon wieder beim rostigen Steg vorn.

35 mm: Yongnuo und Canon.

35 mm: Yongnuo und Canon (jeweils RAW unbearbeitet).

Die technischen Aufnahmedaten sind bei den Aufnahmen gleich. Das Histogramm zeigt für Canon allerdings ein etwas kontrastreicheres Bild…Doch dies Motiv/Foto war für das Yongnuo wohl ein “Glückstreffer”. Bei Durchsicht der anderen Bilder habe ich immer einen etwas flauen Eindruck, und Kontrast und Schärfe korrespondieren ja. Eigentlich um die Verzeichnung zu überprüfen, fotografiere ich ein paar Garagentore. Die Verzeichnung am oberen Rand ist minimal (auch beim Canon vorhanden) und läßt sich in Lightroom problemlos korrigieren.

Garagentor und Warnschild

Garagentor und Warnschild (Yongnuo, RAW unbearbeitet)

Die entscheidende Erkenntnis bekomme ich, als ich mir das Hinweisschild am Pfeiler rechts genauer ansehe: Bei Offenblende f2 ist die Schärfe bei Yongnuo niederschmetternd. Vielleicht glaubt man beim ersten Eindruck, daß so ein starker Ausschnitt auf Grund der Auflösung nicht schärfer sein kann — bis man den Gegenbeweis von Canon direkt daneben sieht. Bei f5,6 ist das Bild merklich besser bei f8 nah dran (jeweils RAW unbearbeitet). Mangelnde Schärfe läßt sich im Gegensatz zur Belichtung mit Bildbearbeitung leider nur bedingt korrigieren.

Beim Hinweisschild ist der Unterschied deutlich.

Beim Hinweisschild ist der Unterschied schon bei f2 deutlich.

So ein Beispiel mag konstruiert erscheinen, weil man ja nicht ständig Schilder fotografiert. Aber bei allen überprüften Bildern kommt spätestens in der 1:1-Ansicht die Ernüchterung, daß ein Detail zwar “o.k.” ist, aber eben nicht so klar wie es das Canon schafft — und dies ist ja schließlich auch kein “L”-Objektiv aus der Canon-Oberklasse.

Da mir das Objektiv nicht mehr zur Verfügung steht, kann ich bei diesem durchwachsenen Ergebnis keine weiteren Vergleichsbilder machen. Aber das hat zum Glück schon Petapixel erledigt. Wenn ich mich nicht irre, entspricht die Testkamera Canon Rebel T5 der Canon EOS 1200d, ist also ebenfalls eine APS-C-Kamera. Er fotografiert einen Textausschnitt mit unterschiedlichen Positionen und Blenden, der meinen Eindruck bestätigt: Bei Offenblende große Schwächen (vor allem am Rand), abgeblendet deutlich besser (vor allem Mitte). Das Bokeh sei “schöner”, wobei es bei (fast) rund gegenüber Fünfeck tatsächlich Geschmackssache ist. Und CA wirst du an einer Hell-dunkel-Grenze mit jedem Objektiv provozieren können.

Fazit

Auf Grund der durchwachsenen Schärfe kann das Yongnuo nicht gegen das Canon anstinken — aber da stehen ja auch weniger als 90 Euro ursprünglich 320 Euro gegenüber. Und sicherlich wird der “Fachmann” bei FB oder am Stammtisch dies verächtlich als “Scherbe” bezeichnen. Trotzdem ist das Objektiv für Fotofreund Detlef kein rausgeworfenes Geld: Er hat damit nämlich den Spaß an der klassischen Fotografie (wieder-) entdeckt. Statt nur am Zoomring des unhandlichen 18 – 250 mm zu drehen, muß man sich bewegen, sich überlegen, was man zeigen will, wie man es mit einer festen Brennweite in Szene setzen kann. Er hat ein handliches Objektiv und bemerkt erstmals, was Lichtstärke wirklich bedeutet. Hält seine Begeisterung an, sollte er es allerdings gegen Canon — oder Sigma oder Tamron austauschen.

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