Verkanntes Genie — Sony QX 10 im entfesselten Praxistest

Schon vor einem Jahr prophezeie ich das Ende der Schnappschußkameras, da gerade für Erinnerungsfotos die Smartfon-Kamera ständig attraktiver wird: Immer dabei, respektable Bilder und direkter Upload in soziale Netzwerke. Die Großen im Markt kontern relativ fantasielos mit modischen Neuerscheinungen, immer mehr Funktionen und trotzdem ist man schon ab 50 Euro dabei (ohne bedeutende Abstriche gegenüber den ursprünglichen 300-Euro-Modellen von vor zwei Jahren machen zu müssen). Da läßt es aufhorchen, als Sony zur IFA 2013 mit der Ansteckkamera fürs Smartfon eine neues Konzept vorstellt.

Die Sony DSC QX10 wirkt wie ein Wechselobjektiv.

Die Sony DSC QX10 wirkt wie ein Wechselobjektiv.

Auf den ersten Blick vermutet man dahinter eine weitere spiegellose Systemkamera, denn die QX 10 bzw. der große Bruder QX 100 sehen wie gewöhnliche Wechselobjektive aus, werden interessanterweise auch als WLAN-Objektive bezeichnet. Da kann man sich vielleicht schon erahnen, wie das mit einem normalen Smartfon zusammenarbeiten soll.

Der Praxistest basiert auf der DSC-QX 10, auf die sich im Zweifelsfall sämtliche Hinweise, Anmerkungen usw. beziehen; weitere technische Details kann man bei Sony oder Amazon nachlesen (siehe bitte Links im Text bzw. am Ende dieses Artikels).

Doch das zierliche “Objektiv” QX 10 ist eben nicht einfach nur ein Objektiv. Das merkt man spätestens, wenn man einmal einen prüfenden Blick hindurchwerfen möchte — der Deckel auf der Rückseite ist keine Objektivkappe, sondern gehört zu einem Akku- und Speicherkartenfach. Denn: Das vermeintliche Objektiv ist eine komplette Kamera. Dementsprechend fallen die technischen Eckdaten ähnlich aus.

Sony DSC QX 10 QX 100
Auflösung
(Pixel)

18,2 MP
(4.896 x 3.672)

20,2 MP
(5.472 x 3.648)

Chip

1/2,3 Zoll
(7,76 mm)

1 Zoll
(25,4 mm)

Brennweite
(KB-Enstspr.)

4,45 – 44,5 mm
(25 – 250 mm)

10,4 – 37,1
(24 – 100 mm)

Lichtstärke (W – T)

3,3 – 5,9

1,8 – 4,9

Verschluß

4 – 1 / 1.600 s

4 – 1 / 2.000 s

ISO

100 – 12.800

160 – 25.600

Gewicht
(inkl. Akku und Speicherkarte)

105 g

179 g

Listen- / Straßen-Preis

199,- / 149,-

449,- / 339,-

Angaben Zeitpunkt der Recherche im Februar 2014 und ohne Gewähr.

Beide Modelle haben ihr Vorbild bei “echten” Kameras aus dem Hause Sony: Die QX 10 basiert auf der Sony DSC-WX200 (ca. 200 Euro), der große Bruder QX 100 auf der Sony DSC-RX100 II (ca. 600 Euro). — Die Neugier ist geweckt, ich entscheide mich für die QX 10 gegenüber der “besseren” QX 100, weil…

  • … sie preiswerter ist.
  • … sie leichter ist.
  • … sie kleiner und taschenfreundlicher ist.
  • … das optische 10fach-Zoom mehr Spielraum bietet.

 

Erster Eindruck

Wer den Umgang mit (Foto-) Technik gewohnt ist und wenigstens eine vage Vorstellung davon hat, welche Idee hinter der QX 10 steht, kann sofort und ohne Handbuch loslegen. Man muß lediglich auf Smartfon oder Tablett die kostenlose App “PlayMemories” (Android | iPhone) laden und ggf. den WLAN-Schlüssel eingeben, der im Batteriefach hinterlegt ist (NFC erspart diesen Schritt, ist m. E. aber nicht wirklich komfortabler). Darüber hinaus benötigt man eine Speicherkarte im Micro-SD-Format (oder Sony Memorystick), da dort die Fotos in voller Auflösung und Videos ausschließlich hinterlegt werden. Beim Auspacken gewinnt man einen ersten Eindruck von der Hardware:

  • Batteriefachdeckel kommt mir etwas klapprig vor
  • Abdeckung für USB ist hakeliger Hartplastik
  • erfreulicherweise ein normaler Micro-USB-Anschluß
    für Direktverbindung und Aufladen

Es empfiehlt sich, die Klemmhalterung immer an die QX 10 anzusetzen, selbst wenn man sie freihändig verwenden möchte.

QX 10:Zusammen mit einem Smartfon fast eine normale Schnappschußkamera.

QX 10: Zusammen mit einem Smartfon fast eine normale Schnappschußkamera.

Leider gibt es kein GPS, was bei diesem Konzept in Richtung Social Media eigentlich Pflicht wäre. Bis zu einem gewissen Grad kann man dies über den Empfänger des Smartfons kompensieren — aber auch da patzt Sonys App und bietet nichts integriertes. Die Akkulaufzeit wird von Sony ca. 220 Fotos bzw. etwa 110 Min. Video (max. 2 GB pro Datei) angegeben. In der Praxis scheint mir weniger die Akkukapazität der QX 10 das Problem, sondern das Smartfon, das ständig eine WLAN-Verbindung aktiv halten und insb. unter freiem Himmel ständig das Display mit voller Helligkeit versorgen muß. Unterwegs hilft eventuell eine sog. Powerbank weiter, dann am besten gleich mit zwei Anschlüssen. Laut Anleitung soll man die QX 10 am PC laden, für ein paar Euro ist man mit einem separaten USB-Ladegerät wahrscheinlich besser bedient (oder das vom Smartfon verwenden).

Software “Play Memories”

Hinter der Hardware steckt eine originelle Idee, die akzeptabel umgesetzt ist. Bei der Software (App) versagt Sony komplett: Sie ist prinzipiell nur Sucher und Fernauslöser.

  • Einstellen von vier Aufnahmeformaten bzw. Auflösungen — leider kein RAW
  • Übertragung zum Smartfon in voller Auflösung oder reduziert auf 2 Megapixel
  • nur Automatikmodi (QX 100 bietet Zeit-/Blendenautom.)
  • Pluspunkt ist, daß sie ab Android 2.3 einsatzbereit ist

Wie sich Programmautomatik, “intelligente” Automatik und “überlegene” Automatik unterscheiden (auf der Homepage heißt es übrigens “hervorragender A.” und “intelligenter A.”), deutet Sony nur an:

Alles automatisch...Nehmen Sie mühelos Bilder in höchster Qualität auf. Der hervorragende Automatikmodus gleicht die Szene, die Sie gerade aufnehmen, an eines der 44 vorinstallierten Aufnahmemuster an und justiert die verschiedenen Kameraeinstellungen entsprechend, um optimale Bildqualität zu gewährleisten. Die Kamera kann auch mehrere Aufnahmen machen und diese dann zu einem Einzelbild mit geringerem Bildrauschen und einem größeren Dynamikbereich zusammenfügen. (Quelle: Sony)

In der Praxis erscheinen Bilder in allen Aufnahmemodi nahezu gleich. Lediglich bei der überlegenen Automatik vernimmt man gelegentlich während der Aufnahme ein Stakkato, wenn wohl eine Reihenaufnahme gemacht wird (internes HDR oder so…) — dafür ist dieses Programm oft sehr langsam. Bei der “normalen” Programmautomatik kann man [nach einem Firmwareupdate] immerhin den ISO-Wert zwischen 100 und 800 manuell wählen sowie eine Belichtungskorrektur einstellen. Über “W” und “T” kann man Zoomen, durch Tippen auf das Bild einen Fokuspunkt setzen. Die QX 100 kann außerdem Blendenautomatik (A) und Zeitautomatik (S).

Die Software bietet kaum Einstellmöglichkeiten.

Die Software bietet leider kaum Einstellmöglichkeiten.

Über Aufnahmedetails — zum Beispiel welche Szene erkannt wurde — wird man weitgehend im Unklaren gelassen. Gelegentlich erscheint im Sucherbild zusätzlich noch ein kleines Symbol, wie man es von anderen Kameras als “Kreativprogramm” her kennt, Über Symbole erhält Hinweise, was sich die Automatik so denkt...beispielsweise eine Blume für Makro oder ein Mond für Nachtaufnahme — doch was die Kamera dann genau macht, wird leider nicht erläutert.

Über Symbole erhält man Hinweise,
was die Automatik sich so denkt…

Auch die Exif-Daten bringen einen nicht weiter: Obwohl ich mehrmals alle Programme durchgespielt habe, findet sich unter “ExposureProgram” immer der Eintrag “Normal program” und auch weiter hinten bei “SceneType” immer der Eintrag “A directly photographed image”.

Lästig ist, daß man nach einem Wechsel aus der Sony-App zurück die WLAN-Verbindung neu aufgebaut werden muß. Leider hat die App nach vielem hin und her dabei auch einmal(!) das Paßwort vergessen und dann allerdings mehrere Eingaben nicht erkannt… Die Anzeige auf dem Smartfon-Display schwankt zwischen flüssig und ruckelig, auf meinem Tablett-PC ist meist besser, aber auch nicht perfekt. Bei einer Aufnahmeposition senkrecht nach unten tut sich oft sekundenlang gar nichts, wenn man trotzdem auslöst, gibts meist trotzdem ein Bild..

Wie bei viele anderen Produkten scheint man sich auf die Entwicklung der Hardware zu konzentrieren, während Handbuch und Software stiefmütterlich behandelt werden. Letzteres ist gerade bei diesem innovativen Konzept sehr ärgerlich, könnte man die Power eines Smartfons sehr gut dazu nutzen, Powerusern alle Möglichkeiten an die Hand zu geben (zum Beispiel Focusstacking ), Einsteigern die unterschiedlichsten Anwendungsszenarien anzubieten und durch Updates kontinuierlich zu verbessern. Offenbar ist Sony diesbezüglich leider überfordert, hat sich aber immerhin dazu entschlossen, die Kamera-API freizugeben und ein SDK bereitzustellen. Bisher ist die Resonanz nach meiner Beobachtung allerdings mager. Als einzige ernstzunehmende Anwendung habe ich bei Google Play lediglich “Timelapse” von Michel Thibaud gefunden, das die Kamera für Zeitrafferaufnahmen steuert (apropos: via OTG kann man sogar eine dSLR für solche Aufgaben fernsteuern).

Die Sony DSC QX 10 in der Praxis

Natürlich nehme ich die Kamera auf einen Sonntagsspaziergang mit, denn nur unterwegs kann man sie tatsächlich erproben (anders, als die Kollegen, die nur im Büro zehn Minuten damit herumspielen). Schnell wird dann auch klar, daß man sie nicht mal eben so zückt, um einen Schnappschuß aufzunehmen. An ein Smartfon angebracht ist sie nämlich ein relativ großer Brocken und Zusammenstecken erst vor der Aufnahme kostet Zeit. Auch das Hochfahren der App und der Verbindungsaufbau dauern locker 10 Sekunden und mehr — da hat sich ein flinkes Eichhörnchen schon längst vom Acker gemacht und auch die Liebste wird schon ungeduldig.

Mit der entfesselten Kamera gelingen extreme Blickwinkel.

Mit der entfesselten QX 10 gelingen extreme Blickwinkel.

Wenn dann alles “online” ist, arbeitet sie allerdings recht zügig. Ärgerlich, daß die (Einstell-) Möglichkeiten der Software weit hinter denen einer vergleichbaren Komplett-Kamera zurück bleiben. Begeisterung kommt allerdings auf, wenn man die QX 10 gar nicht erst an Smartfon ansteckt, sondern frei verwendet. Durch die Handlichkeit und das getrennte Display ist sie noch ein ganzes Stück mobiler und flexibler als eine Kamera mit Klappdisplay. Das Gehäuse verfügt außerdem über ein Stativgewinde: Ich schraube sie auf ein 1-Bein-Stativ und kann so meinen Aktionsradius um fast 2 Meter erweitern — auch dort, wo ich nicht hin kann und habe das Sucherbild trotzdem in augenfreundlicher Entfernung.

Eine coole Möglichkeit ist auch die Nutzung ganz ohne Smartfon im “Blindflug”. Dazu gibt es an der Kamera einen zweistufigen Auslöser sowie eine Zoomwippe: Beim Antippen ertönt ein Signalton (“grünes Lämpchen”), beim Auslösen ein Verschlußgeräusch. Auf diese Weise kann man auch schnell einmal “aus der Hüfte schießen” (es wird dann vermutlich das zuletzt eingestellte Automatikprogramm verwendet). Diese Tasten funktionieren übrigens auch, wenn die Kamera mit einem Gerät verbunden ist, so daß man ein Tablett auch in größerer Entfernung nur als Kontrollmonitor aufstellen kann und sonst komplett Freihand fotografiert.

Frühlingsboten

Frühlingsboten mit der QX 10 ganz nahe.

Natürlich steht die Frage der Bildqualität im Raum — schließlich das ja der Sinn der ganzen Technik. Weil es mir zu langweilig ist und nur bedingt praxisrelevant, mache ich prinzipiell keine reinen Text- oder Vergleichsfotos , sondern nur “echte” Fotos (so, als wäre dies kein Test). Auf den ersten Blick ist die Bildqualität gut, bei normaler Betrachtung direkt am Bildschirm überzeugen Farben und Details. Doch wenn man etwas professioneller herangeht (beispielsweise nach dem Import in Lightroom), enttäuschen — vermeidbare — Schwächen: Die oft sehr hohen Were der automatische ISO-Wahl und der fehlende RAW-Modus machen leider “ganz automatisch” Feinheiten zunichte.

Videos gehören z. Zt. nur gelegentlich zu meinem Repertoire: Die QX 10 zeichnet sie in guter Qualität auf [Firmwareupdate beachten] und sie gefallen, mit weiterer Bearbeitung habe ich leider keine Erfahrung. Anders als Fotos werden sie allerdings nicht auf das Smartfon übertragen (nur das Sucherbild), sondern ausschließlich auf der eigenen Speicherkarte abgelegt. Auch den Freihandmodus gibt es leider nicht.

Fazit

Als Schnappschußkamera ist die QX 10 bei weitem nicht so geeignet wie sich Sony das wohl ursprünglich gedacht hat. Es dauert einfach zu lange mit mehreren Komponenten zu hantieren und sie startklar zu bekommen. Als Zweitkamera für experimentierfreudige Fotografen ist sie dagegen (fast) genial. Das entfesselte Objektiv noch ein bißchen flexibler als jedes Klappdisplay, notfalls kann man sie sogar Freihand auch ganz ohne Smartfon einsetzen.

Manko ist die schwächliche Software, zumal es auch keinen RAW-Modus gibt, mit man Belichtungsprobleme u. ä. kompensieren könnte. Unter dem Strich ist die Bildqualität auf dem Niveau einer Kompakten in Ordnung. Die Verarbeitung bzw. Umsetzung könnte — insb. für Sony — besser sein. Vielleicht hilft ja mittelfristig noch die Preisentwicklung, zumal Kodak mit PixelPro SL10 bzw. SL25 und die Vivitar UI680 ähnliche Konzepte verfolgen.

Testberichte gibt es auch bei den Kollegen: AndroidTVFotografieren neu definiert “, ChipViva la Kamera-Revolución ” oder sehr ausführlich “irre, klasse, kompliziert” via Areamobile. Inzwischen hat Canon mit der Powershot N100 ebenfalls ein Konzept vorgestellt, daß die Social-Media-Ambitionen stärker berücksichtigt.

[Update I]

Obwohl es seit Ende 2013 ein Firmware-Update gibt, ist es bei meiner 2014 frisch erworbenen Kamera nicht eingespielt. Erstaunlich, daß auch o. g. Daten direkt von der Sony-Homepage noch weitgehend der alten Version entsprechen… Also: Im Zweifelsfalle bitte das Firmware-Update herunterladen (m. W. auch die einzige Möglichkeit, die aktuell installierte Version auszulesen). Für die QX 10 bedeutet die Version 2 eine höhere Videoauflösung von 1.920 x 1.080 Pixel sowie die manuelle ISO-Wahl im “P”-Modus. Bei der XC 100 kommen Zeit- und Blendenautomatik hinzu.

[Update II]

Habe jetzt doch noch etwas zur Szenenerkennung gefunden (Quelle: Sony): Welche genauen Einstellung und Funktionen damit verbunden sind, wird allerdings nicht erläutert.

Symbol Szenenerkennung

Portrait

Portrait

Bild

Kleinkind

Bild

Nachtportrait

Bild

Nachtszene

Bild

Portrait im Gegenlicht

Bild

Gegenlicht

Bild

Landschaft

Bild

Makro

Bild

unzureichende Beleuchtung

Bild

Spotlicht

Bild

Stativ

Bild

Bewegung
Zu Informationszwecken wurden die Original
Symbole der Homepage entnommen
.

(Das getestete Gerät stammt aus eigenen Beständen und wurde im normalen Handel bezogen.)

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