Txtr Beagle im Praxistest — Minimalist mit hohen Ansprüchen

Txtr Beagle im PraxistestDer Hersteller hält Wort, schon nach drei Tagen trudelt der Txtr Beagle aus der Sommeraktion bei mir ein.

Txtr Beagle im Praxistest

Das “Beagle” genannte Gerät ist nach 2009 der zweite Anlauf des Unternehmens in Sachen E-Book-Reader und nun in vielerlei Hinsicht ein Minimalist: Es hat ein 12,7 cm (5 Zoll) großes E-Ink-Display, wiegt 140 Gramm, setzt auf zwei AAA-Batterien, hat viele Funktionen auf das Smartfon ausgelagert.

Das Gerät kommt in einer trendigen Verpackung, zwar doppelt und dreifach in Schächtelchen, aber ohne Plastikmüll (streng genommen gibt es eine aufgeklebte Dokumententasche aus Plastik…). Neben dem Gerät finden sich im Karton nur eine zweite Gehäuseschale, eine gedruckte Kurzanleitung sowie die notwendigen Batterien (Typ AAA). Nachdem nun schon eine Menge E-Reader am Markt sind, heißt die Frage: Was taugt der Txtr Beagle in der Praxis, was kann er besser als Kindle, Kobo, Sony oder Tolino?

Der erste Eindruck ist durchaus positiv, der Beagle fällt durch den Minimalismus sehr handlich aus. Das Gerät ist zwar nur einen halben Zentimeter schmaler als ein Kindle 4, dafür aber ca. 2 cm kürzer. Die 30 Gramm Gewichtsersparnis gegenüber dem 170 g schweren K4 machen sich durchaus bemerkbar (eigene Messung inkl. Batterien), besonders wenn man längere Zeit freihändig lesen möchte. Der Beagle ist leicht und handlichUnter dem 12,7 cm großen Display gibt es drei Tasten (sowie eine auf der Rückseite). Auf den ersten Blick sieht er diesbezüglich erstmal wie ein weiterer E-Book-Reader aus.

Der Beagle ist leicht und handlich.

Txtr einschalten…

Doch wie steht es mit dem Lesen? Dazu muß ich erstmal die Rückwand abnehmen, um die beiden mitgelieferten Batterien einsetzen zu können — einen besonders stabilen Eindruck macht sie nicht (vielleicht wird deshalb gleich eine zweite Schale mitgeliefert). Einschalten (der Schalter liegt auf der Rückseite) und der erste “Buchtitel” begrüßt mich, es ist die Kurzanleitung. Mit den Pfeiltasten kann man in der Bibliothek weiterblättern, Kafkas Verwandlung und Goethes Leiden des jungen Werther — wenn das nicht mal eine Prophezeiung ist… Durch den mittleren Knopf schlägt man ein Buch auf, durch einen weiteren Druck kommt man aus dem Buch wieder auf die “Bücherregal”-Ebene. Eine Übersicht aller gespeicherten Bücher gibt es nicht, man kann nur durchschalten. Bisher ist die Nutzung einfach, aber auch nicht einfacher als bei einem Kindle (der sogar betriebsbereit geladen und individuell konfiguriert geliefert wird).

Bücher übertragen

Wie kommt man nun an echte Bücher, die man sich selbst aussucht? Daaas ist gaaanz einfaaach: Du holst dein Smartfon aus der Tasche, installierst dort die kostenlose App für Android, legst einen Account für txtr an und gehst in den Shop mit angeblich “mehr als 1 Million Bücher“… (da die App unabhängig vom Beagle funktioniert, kannst du ja mal selbst nachzählen) Dann schaltest du am Beagle und an deinem Smartfon Bluetooth ein, rufst durch langes “Klicken” das Kontext-Menü des gewünschten Buches auf und wählst “Zum txtr beagle senden”. — Schon einen Augenblick später erscheint auf dem Display des Readers das Titelbild des neuen Ein E-Book wird zum Beagle übertragen...Buches und man kann kurz danach auch schon anfangen zu blättern. Es ist aber ein Irrtum anzunehmen, daß damit die Übertragung abgeschlossen sei.

Ein “E-Book” wird zum Beagle übertragen…

Die “geniale” Neuheit beruht nämlich darauf, daß ein E-Buch nicht als schlanke Textdatei (technisch XHTML) übertragen wird, sondern als gerenderte Grafik für immerhin 600 x 800 Pixel. Da muß das Smartfon ganz schön ranklotzen, um dann statt 160 Kilobyte(!) Text mehrere Megabyte Grafik erst zu erzeugen und dann zu übertragen. Und das dauert… ich habe zwar nicht mit einer Stoppuhr daneben gesessen, aber die Zeit für Tom Sawyer oder Jack London hat gereicht, um mehrere Screenshots sowie einige Produktfotos zu machen und Stoffwechselprodukte zu entsorgen. Den Upload kann man im Android-Taskmanager verfolgen.

Ist diese Prozedur beendet, kann man das Buch auf dem Beagle lesen und sich über das Leichtgewicht freuen. Das Blättern geht überraschend schnell, die Anzeige ist — wie von elektronischem Papier gewohnt — sehr gut lesbar. Am unteren Rand gibt es einen Fortschrittsbalken.

Steuerung

Oh, die Schrift ist ein bißchen klein — wo ist das Menü, um sie zu vergrößern? Auf dem Smartfon: Dort kann man in den Grundeinstellungen eine größere Schrift einstellen, das Buch rendern (also Grafiken erzeugen) und dann nochmal übertragen. Ich möchte zum 27. Kapitel springen, kein Problem, mußt du einfach nur weiterblättern — Inhaltsverzeichnis und Lesezeichen gibt es nicht (bzw. haben keine Sprungfunktion). Immerhin wird die letzte Leseposition gespeichert.

Ein Buch wird zum Txtr Reader übertragen.

Ein Buch wird zum Txtr Reader übertragen
(das Smartfon ist ein 4-Zoll-Gerät).

Urlaub? Na dann Mal ein paar Bücher mehr draufpacken. Wieviel passen denn auf den Reader (Kindle und Tolino werben mit 1.000 und mehr…). Kein Problem für den Mehr als fünf Bücher gibt's nicht...Beagle mit 4 Gigabyte: genau 5 — fünf — Stück, egal wie umfangreich so ein Buch ist. Es gibt keine Speicherplatzanzeige und nichts zu diskutieren — fünf Stück. Basta. Aber alle Bücher sind ja in der “Cloud” und können jederzeit runtergeladen werden (aber nur, wenn du vorher entsprechend löschst).

Mehr als fünf Bücher gibt’s nicht…

Am Strand mit teurem Smartfon — ein Billighandy tut’s in diesem Fall ja nicht — und Reader zu hantieren zeigt Technikkompetenz. Im Ausland kann man bestimmt auch noch ein günstiges Roamingpaket für den Datentransfer buchen. Immerhin kann man gekaufte Bücher zur lokalen Speicherung herunterladen — empfehlenswert, falls die txtr-Cloud irgendwann mal abgestellt werden sollte.

Eigene Dokumente

Ich nutze meinen Kindle zu 50 Prozent für eigene Dokumente wie lange Webartikel, RSS-Feeds oder eigene Texte, die ich mir bequem per E-Mail bzw. über das Kontextmenü auf dem PC auf das Gerät sende. Geht so etwas auch mit dem Beagle? Klar…

  1. Das Dokument liegt als ePUB oder PDF auf der lokalen Festplatte vor.
  2. Im Browser logge ich mich in meinen txtr-Account ein und wechsele in den Bereich “Meine Bücher”. Dort findet sich ein Menüpunkt “Hochladen”. Dort muß man erst über den üblichen Upload-Formular die gewünschten Dokumente auswählen und anschließend noch einige Angaben wie Titel, Autor oder Stichwort machen — auch aus meinem ePUB werden solche Metadaten nicht automatisch ausgelesen. Ärgerlich: Bei dem symbolisch angezeigten Titelbild sind dann alle Angaben wieder auf “unknown” gesetzt…
  3. Jetzt muß man zum Android-Handy greifen und dort in der Txtr-App in die Bibliothek wechseln. In der standardmäßig angezeigten Buchtitelübersicht werden meine Dokumente alle ununterscheidbar mit Dummytitel und “unknown” angezeigt. Erst der Wechsel in die Listenansicht bringt ein wenig Klarheit.
  4. Jetzt weiter jonglieren: Beagle auf Empfang stellen, auf dem dem Smartfon durch langes Drücken das Kontext-Menü aufrufen und dann “Senden “. Warten…
  5. Jetzt kann ich einen Text auf dem Beagle lesen…

Aber bitte dran denken: Nach fünf Dokumenten ist Schluß, so etwas wie “SENDtoREADER” für Webseiten gibt es nicht. Word-Dokumente oder HTML-Dateien werden nicht unterstützt, mp3 erst recht nicht.

Fazit: Txtr

Auf Grund des kleinen Displays und der Beschränkung auf nur fünf(!) Bücher kann man es praktisch nur für “textlastige” Werke wie Romane u. ä. nutzen oder vielleicht einem Kind/Jugendlichen ausgewählte Bücher einspielen, da der Beagle ohne Smartfon gewissermaßen eine Kindersicherung hat (na ja, nicht wirklich, er verbindet sich mit jedem…). Auch bei der angegebenen riesigen Buchauswahl bin ich eher skeptisch, schielt man wohl auch auf das Angebot anderer Anbieter, die man dann durch eigene Uploads in das txtr-Backend einspielen muß. Wen will man denn mit akzeptabler und möglicherweise preiswerter Hardware locken: Für einen Wenigleser sind auch 59 Euro Listenpreis zu hoch, lediglich der “Sommerpreis” von 20 Euro macht ihn zum “Mitnahmeartikel”. Für den Vielleser ist die Begrenzung auf fünf Bücher ein Witz, das Fehlen üblicher Funktionen unakzeptabel, zumal es fürs gleiche Geld (bezogen auf Listenpreis) “vollständige” Geräte und für etwas mehr auch deutlich leistungsfähigere gibt: Einen Kindle Touch oder Paperwhite mit 3G kann man komplett autark verwenden, ohne zusätzlichen PC, ohne Smartfon und sogar ohne eigenen Internetanschluß (den Tolino theoretisch auch, habe ich z. Zt. nicht zum Testen). Und dann sind da noch die Tablett-PCs (Einfachgeräte ab 60 Euro), für die es kostenlose Lese-Apps gibt mit denen der Lesespaß beginnen kann.

Ich bin mir nicht ganz sicher, aber dies ist möglicherweise ein ganz ausgefuchster Plan der Totes-Holz-Industrie das Konzept der E-Books in Verruf zu bringen. Die Bedienung, die neben dem E-Reader zwingend(!) ein Smartfon mit Bluetooth sowie den souveränen Umgang mit App, Shop, Internet und Adobe DRM erfordert, dürfte jeden verschrecken , der einfach nur ein Buch aufschlagen möchte. Auf der anderen Seite fehlen Vorteile wie Lesezeichen, ein anklickbares Inhaltsverzeichnis, Notizen oder das äußerst sinnvolle Einstellen der Schriftgröße am Gerät — das macht man gern auch mal mittendrin, wenn man unter schlechten Lichtverhältnissen liest oder schon etwas müde ist. Wieder einmal hat man den Eindruck, daß so ein Gerät von jemandem entwickelt wurde, der nicht ernsthaft E-Books liest — zumindest nicht mit dem Beagle — oder sich noch nie ein Konkurrenzprodukt angesehen hat. Das “Konzept” scheint eher darauf ausgerichtet für einen Mobilfunkanbieter “Kundenbindung” mit teuerem Smartfon und kostspieliger Daten-/Internet-“Flatrate” heran zu züchten, der möglichst viel online sein muß.

(Das Testgerät stammt aus Privatbesitz, Juli 2013 .)

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