Tolino Shine — der neue Stern am e-Book-Reader-Himmel

Erfolg kann ein zweischneidiges Schwert sein, Amazons Kindle-Konzept — Hardware + Buchangebot + KDP — sorgt lange Zeit nur für Kritik und Gejammere “des Buchhandels”. Lediglich Weltbild bewirbt regelmäßig E-Books und Geräte 300x250_tolino-d(meist TrekStor), Thalia eiert mit einer eher berüchtigten Hardware rum, Sony und Kobo versuchen es mit eigenen Shops, m. E. vieles halbherzig. Was die Anbieter noch “rettet”, ist das gemeinsame EPUB-Format gegen Amazon…

Werbung für den Tolino Shine (Weltbild)

Jetzt soll der “Tolino Shine” als Gemeinschaftsprojekt von Thalia, Weltbild/Hugendubel, Club Bertelsmann und der Telekom der große Wurf werden.

Auf den ersten Blick erinnert der Tolino Shine an eine Kreuzung aus Kindle Touch (mit dem “Home”-Knopf unten in der Mitte) und dem Kindle Paperwhite mit einem 758 x 1.024 Pixel großen, intern beleuchteten Display. Da weitere Tasten fehlen, hat er natürlich eine Touch-Bedienung, ist etwas größer als ein 6-Zoll-Kindle.

Ich selbst habe das Gerät noch nicht in der Hand gehabt, kann erstmal nur auf andere Berichte verweisen:

Die Zeit (Kai Biermann) lobt die gute Verarbeitung, kritisiert aber die teils schlechte Darstellungsqualität und den “chaotischen Bildschirmaufbau” beim Umblättern. — Wer weiß, ob der Autor vorher schonmal ein E-Ink-Display gesehen hat, es könnte sich um das normale “Ausradieren” handeln.

Die Welt — wegen des “Leistungsschutzrechtes” bis auf weiteres nicht mehr berücksichtigt.

Der Focus (Matthias Matting), der sich ja bekanntlich gut mit E-Readern auskennt, beanstandet dagegen weniger die Bedienung (ähnelt mit Cover-Ansicht dem Paperwhite) als den umständlichen Kaufprozeß im integrierten Shop, der sich keine Zahlungsdaten merkt. Die Qualität der Beleuchtung wird leider nur kurz als “nicht ganz so hell” erwähnt. Der Browser soll leistungsfähiger als das Pendant im Kindle sein.

Literaturcafé (Wolfgang Tischer) — bietet einen der ausführlichsten Tests mit vielen Fotos und berücksichtigt auch Feinheiten: So kann man Dank Adobe-DRM nur eine ID nutzen und muß sie bei Nutzung mit einem anderen Familienmitglied jeweils umstellen. Anders als beim Kindle kann man nur Schriftschnitt und die Schriftgröße einstellen, nicht aber Ränder und Zeilenabstand. Ein Wechsel zum Querformat ist ebenfalls nicht vorgesehen. Besonders kritisiert wird die Entnahme der SD-Karte, was nach Ansicht des Testers nur mit Pinzette geht.

Das Börsenblatt — interviewt den Buchhändler Stöppel. Na ja, ein Loblied auf einen “freien” Reader und gegen das geschlossene System Amazon. Was er vergißt: Man ist zwar nicht an einen Händler, nun aber an Adobe-DRM gebunden…

Mein Eindruck auf Grund der Berichte und meiner eigenen umfangreichen Erfahrungenmit dem Kindle:

Der Kindle ist nicht perfekt, aber bisher das m. E. am weitesten gereifte Gerät am Markt. Wenn ich als “große Allianz” einen Konkurrenten erfolgreich plazieren möchte, muß er mindestens genauso gut sein oder sogar ein Tickchen besser. Das gelingt m. E. nicht. Das “Totschlag”-Argument gegen das geschlossene System Amazon sticht nicht, da das verwendete Adobe-DRM den Benutzer ebenso gängelt. Außerdem könnte man m. E. zumindest DRM-lose MOBIs des Konkurrenten unterstützen. Einziger Vorteil von ePUB ist in diesem Zusammenhang die Unterstützung der “Onleihe” von Bibliotheken.

Das Gerät an sich macht einen ordentlichen Eindruck, wenn auch eine Touch-Bedienung im Gegensatz zur Marketing-Behauptung bei einem E-Buch-Reader nicht immer ideal ist. Der Tolino Shine ist “nur” mit WLAN ausgestattet (was für einen E-Book-Reader auch vollkommen ausreichend ist), kann in Deutschland aber damit punkten, die 11.000 Hotspots der Telekom kostenlos nutzen zu können. Von 4 Gigabyte Speicher sollen etwa 2 GB für Bücher zur Verfügung stehen — ebenfalls vollkommen in Ordnung, da echte E-Books (keine PDF!) nur wenige Kilobyte Speicherplatz benötigen. Der Micro-SD-Slot für zusätzliche Speicherkarten bis 32 Gigabyte scheint mir eher psychologischer Natur zu sein, da Bücher darüber nur importiert werden können, zum Lesen muß sich das Buch (soweit ich das verstehe) dann wohl im kleineren Hauptspeicher befinden. Daneben kann man seine Bibliothek in 25 GB Cloudspeicher der Telekom auslagern. Wer keinen Computer oder ähnliches Equipment hat, muß auf jeden Fall nochmal in die Tasche greifen, um ein USB-Ladegerät anzuschaffen. Ob sich die USB-Schnittstelle außer zum Akkuladen auch als Massenspeicherverwenden läßt, wird in keinem Test erwähnt.

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