Tablett-PC als Fernbedienung für die Digitalkamera

Mich wundert es immer, wenn ausgerechnet mobile Geräte immer “alles” können sollen — und dann groß, schwer und teuer werden. Bei meinem Praxistest zum Tablett-PC Touchlet X8 entdecke ich den den 8-Zoll-Formfaktor: Deutlich handlicher als ein 10-Zoll-Gerät und in der nutzbaren Fläche nicht so viel kleiner, zumindest wenn man weiß was man will: Im Prinzip alles, wozu mir ein Smartphone doch zu fummelig und ein Laptop zu groß ist. Und seit ein paar Tagen kenne ich noch einen weiteren Grund: Steuerung einer Digitalkamera.

Mit Helicon Remote kann man fast alles in der Kamera einstellen.

Mit Helicon Remote kann man fast alles in der Kamera einstellen.

Das liegt an einem Detail, dem auch ich bisher wenig Beachtung geschenkt habe: Wie einige andere — aber noch nicht alle — Tablets hat das X8 nicht nur eine USB-Schnittstelle, sondern diese entspricht OTG-Standard.


USB mit OTG ist Pflicht

OTG steht für “on the go” und ermöglicht, daß ein Client bis zu einem gewissen Grad Host-Funktionen übernehmen kann. Obwohl bereits 2001 festgelegt, sind die Geräte eher selten bzw. oft werden sie nicht damit beworben (obwohl es sogar ein spezielles Für OTG-fähige Geräte gibt es sogar ein spezielles Logo. (Quelle: Wikipedia)Logo dafür gibt).

Für OTG-fähige Geräte gibt es sogar ein spezielles Logo.
(Quelle: Wikipedia)

Statt kostspieliger Zusatzhardware benötigt man für OTG lediglich einen kleinen Adapter, damit man die zwei “Client”-Stecker der normalen USB-Kabel zusammenbringt (beim Touchlet X8 liegt er sogar bei). Häufig wird dafür als Beispiel der UMTS-Stick für WLAN-Geräte genannt oder der Drucker direkt an der Digitalkamera.

Eine USB-Schnittstelle nach OTG-Standard ist Voraussetzung.

Eine USB-Schnittstelle nach OTG-Standard ist Voraussetzung.

Für Android gibt es zwei Kategorien von Kamerafernsteuerung: Weit verbreitet und recht einfach gehalten sind Programme, die über den Kopfhörerausgang den “Drahtauslöser” der Kamera betätigen (viel mehr kann das gehypte Trigger Trap eigentlich auch nicht). Neuer dagegen Software, die über USB/OTG ein Smartphone oder Tablett mit der Kamera verbindet. Damit läßt sich dann nicht einfach nur der Auslöser betätigen, sondern gezielt eine Blende vorgeben oder die ISO abfragen.

Helicon Remote

Die Auswahl dieser Art von Programmen ist noch nicht so groß, da sie ja einerseits ihren Host mit OTG kennen müssen, andererseits auch die Funktionen und Ansteuerung des Clients in Form der Digitalkamera. Ein Programm, das gleichermaßen Canon (“all Canon cameras“) und Nikon (“D800/D600/D4 and newer“) Spiegelreflexmodelle kennt und dabei in einer brauchbaren Version kostenlos verfügbar ist, ist Helicon Remote (es gibt auch eine Desktop-Version). Damit kann man die Kamera komfortabel über das Display des Tablett-PCs bedienen, sogar mit Live-View. Ein Live-Histogramm oder einen Schärfentiefe-Kalkulator (DOF) sind ebenfalls an Bord. Ärgerlicher Makel sind bei Sonnenschein natürlich die auf Filmwiedergabe optimierten Spiegeldisplays der Tablett-Computer.

Doch die Vorteile ausspielen kann eine solche Software natürlich bei Spezialaufgaben wie einer Belichtungsreihe für ein HDR-Bild. Bei Helicon kann man Anzahl und Belichtungsschritte bequem vorher eingeben und läßt dann die Software die Liste abarbeiten. Die Belichtungsreihe kann auch kurze Zeiten einstellen.So sind mehr Stufen möglich als üblicherweise über eingebaute Funktionen angeboten werden.

Die Belichtungsreihe kann auch kurze Zeiten einstellen.

So von der Kamera entkoppelt muß man nicht Sorge haben, daß man durch Rumfummelei am Kameragehäuse die Perspektive ändert oder gar etwas verwackelt. Aprospos: Während die Simulation per “Drahtauslöser” über “B” nur lange Zeiten > 1/100 s zuläßt, kann man auf diesem Wege auch die kurzen Zeiten erreichen. HDR wird zwar vorwiegend bei Nachtaufnahmen eingesetzt, kann natürlich aber auch bei Tag den Kontrastumfang erweitern.

Hilfreich kann so ein Tablett auch bei Zeitrafferaufnahmen können bequem geplant werden.Zeitrafferaufnahmen sein (time lapse). Was man sonst mühsam von Hand oder mit einem speziellen Drahtauslöser mit eingebauter Intelligenz zusammenklicken muß, wird einfach in ein Formular eingegeben.

Zeitrafferaufnahmen können bequem geplant werden.

Je nach geplantem Zeitraum müssen natürlich die Akkus sowohl der Kamera als auch des Tabletts entsprechend durchhalten. Vorsicht Falle: Manchmal schaltet die Stromsparfunktion eines der Geräte dauerhaft ab, dann ist der Spaß schneller vorbei als geplant…

Noch nicht selbst getestet habe ich das Focus Bracketing, das Ausgangsmaterial für Focus Stacking liefert (ich rechne mit einem Gastbeitrag von Uli). Bei diesem speziell für Makroaufnahmen nützlichen Verfahren wird der Schärfepunkt kontinuierlich verschoben. Werden die Aufnahmen anschließend entsprechend zusammengebaut, hat man ein Foto mit durchgehender Schärfe. Klar, daß hier eine automatisierte Hilfe viel Streß erspart.

Aufnahmen werden übrigens direkt auf das Tablett überspielt. Leider wird dabei RAW nicht unterstützt und die Kamera dauerhaft auf JPG umstellt — nach jeder Session mit Helicon also das Einstellen der gewohnten Werte nicht vergessen. Auch wenn vielleicht noch nicht alles perfekt funktioniert, zeigt das Gespann Touchlet X8 + Helicon Remote + Canon EOS eine interessante Möglichkeit der modernen Fotografie ohne gleich Unsummen ausgeben zu müssen. Bin gespannt, wann der Zubehörhandel die ersten Tablett-Halterungen für Stative anbietet.

Die Spiegelreflexkamera kann komplett via Tablett-PC gesteuert werden.

Die Spiegelreflexkamera kann komplett via Tablett-PC gesteuert werden.

[Kurzinfo]

  • Mit Helicon Remote kann man eine Canon oder Nikon Spiegelreflexkamera komplett fernsteuern und automatisiert Spezialaufgaben erledigen lassen: Focus Stacking, Zeitraffer und HDR-Belichtungsreihen.
  • Autor: Helicon Soft Ltd. | Sprache: englisch | Android (andere Versionen geplant) + Canon/Nikon | Lizenz: kostenlos | Homepage: http://www.heliconsoft.com

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