Stell dir vor es gibt Pressefreiheit und keiner geht hin… [Kommentar]

Heute, am 3. Mai, ist der Internationaler Tag der Pressefreiheit. In den vergangenen Jahren hast du es wohl kaum bemerkt, denn ausgerechnet die Presse selbst ignoriert ihn meist.

Weltkarte der Pressefreiheit 2016 (Quelle: RoG)

Weltkarte der Pressefreiheit 2016
(Quelle: RoG)

Nicht selten höre ich auch, geht mich nichts an, bin kein Journalist… Ein großer Irrtum, denn von der Pressefreiheit profitieren wir alle!

Da ist es vielleicht gar nicht so schlecht, daß die Diskussion auf Grund eines vergleichsweise harmlosen Anlasses in Gang gekommen ist: Was mit einem recht harmlosen Spottliedes in der Satire-Sendung X3 anfängt, wird von Böhmermann mit einem kindischen “Gedicht” auf die Spitze getrieben. Würde keinen interessieren, wenn sich nicht der türkische Präsident darüber aufregen würde und der Lappalie große Aufmerksamkeit verschafft — was ihm den “Mitarbeiter des Monats” einbringt. Es ist da schon merkwürdig, daß dazu tatsächlich erst der Botschafter und dann die Bundeskanzlerin dazu Stellung nehmen muß. Befremdlich, daß sie mehrere Tage — statt Millisekunden — darüber nachdenken muß, ob ein zweifelhafter “vergessener” Paragraf 103 Anwendung finden soll. Erschreckend dagegen, daß auf Druck eines ausländischen, ausgewiesenen Pressefeinds in Deutschland ein “politischer Prozeß ” in Gang gebracht wird. Damit wird das undemokratische Verhalten des türkischen Präsidenten erfolgreich nach Deutschland exportiert und mit Erfolg gekrönt. Daß mißliebige Beiträge aus der Mediathek u. a. gelöscht werden, ist in Deutschland inzwischen trauriger Alltag.

Da wundert es nicht, daß in der von Reporter ohne Grenzen jährlich erstellten Liste der Pressefreiheit Deutschland auf Platz 16 von 180 rangiert. Ja, es können natürlich nicht alle auf Platz 1 sein, aber Deutschland ist dabei zum Vorjahr sogar um vier Plätze abgestiegen. Immerhin hat sich Böhmermann wg. des Drucks aus der Öffentlichkeit zurückgezogen — wo ist da noch der Unterschied zur Türkei (ok, er wird nicht geköpft, aber freies Arbeiten sieht anders aus)? Erschreckend, daß in meinem kleinen o. g. Kartenausschnitt bis auf Costa Rica, Jamaika und Neuseeland fast alle “gute Lage”-Länder zu sehen sind — und links und rechts von Deutschland dominieren mitten in Europa “gelb” (zufriedenstellende Lage) und “orange” (erkennbare Probleme) — die Türkei ist natürlich “rot” gekennzeichnet, ein klares Signal das Wort “Beitritt” zu vergessen. In der EU ist Bulgarien das Schlußlich. Die USA rangieren auf Platz 41, nicht zuletzt wg. des Umgangs mit Whistleblowern. Apropos: Snowden muß ausgerechnet in einem “roten Land” Asyl suchen, auch ein Armutszeugnis für Europa und Deutschland. Die Weltkarte der Pressefreiheit 2016 bekommen Spender als Poster oder jeder hier per Download als PDF.

Neben offensichtlichem Druck, Arbeitsverboten und Bedrohung gibt es noch andere Einflüsse auf die Pressefreiheit — die leider auch in Deutschland zum Tragen kommen: Behörden belegen ihre Auskunftspflicht mit absurd hohen Gebühren oder entdecken für Verwaltungsakte das Urheberrecht. Die Pressefreiheit wird natürlich auch dadurch bedroht, daß journalistische Arbeit immer schlechter bezahlt wird: Einerseits werden Tarifverträge umgangen oder gekündigt, Online-Redakteure deutlich schlechter bezahlt und immer mehr Hobbyautoren sogar kostenlos eingespannt. Veranstalter liefern “kostenlos” fertige Berichte und erwarten einen wortgetreuen Abdruck — Kritik ausgeschlossen. Solange Leser diesen Mist akzeptieren, ein lohnendes Geschäft für die Verleger.

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