Praxistest: Sony WX220 als Videokamera für Full HD [und im Vergleich zur QX10].

Bei hochwertigen Spiegelreflexkameras sind mir Videofunktionen ein Ärgernis, da die Anforderungen für Fotografieren und Filmen sehr unterschiedlich sind. Wer mit Professionalität argumentiert, möge sich bitte auch eine entsprechend professionelle Filmkamera kaufen.

Buchtsäblich handlich: die Sony WX 220.

Buchstäblich handlich: die Sony WX 220.

Beim Smartfon oder einer Kompaktkamera sehe ich die Dinge allerdings ganz anders. Diese Geräte entwickeln sich immer mehr zu Multitools und verschmelzen die unterschiedlichsten Informationen. Das bemerkt man besonders bei Reisefeatures, wie beispielsweise GPS das nicht nur nur Aufnahmedaten speichert, sondern auch Sehenswürdigkeiten der Region auf dem Kameradisplay anzeigt (zum Beispiel die Samsung WB850F mit interaktiver Landkarte und digitalem Kompaß). Für Tutorials und Familienaufnahmen habe ich die Vorteile der Videofunktionen entdeckt und möchte sie erweitern. Einzige Vorgabe: Full HD in möglichst guter Qualität.


Recherche — Camcorder oder Schnappschußkamera?

Bei vielen interessanten Modellen ist mir der Preis für (m)eine Drittkamera zu hoch oder die Videofunktion der Alleskönner dann doch nur halbherzig implementiert. Ich möchte nicht gleich “professionell” einsteigen und nur 100 bis 200 Euro ausgeben. In diesem Bereich gibt es auch schon Videokameras (Camcorder), doch die scheinen mir in dieser Preisklasse sehr simpel. Auch die von mir sonst sehr geschätzte Canon hat in diesem Segment zwar interessante, aber nur ziemlich lichtschwache Modelle (z. B. Canon PowerShot SX 280 HS mit 3,5,– 6,8). Full HD und gute Videoqualität sind diesmal der Maßstab, denn wenn man schon einen fast 117 cm großen Full-HD-Fernseher hat, dann sollte der Input adäquat sein.

Auf der anderen Seite habe ich schon eine gewisse Erfahrung mit dem interessanten Konzept des “WLAN-Objektivs” QX10 von Sony, das an ein beliebiges Smartfon geklemmt und von dort “ferngesteuert” wird. Mit den Aufnahmen bin ich durchaus zufrieden — allerdings saugt die bei Videos zwingend notwendige WLAN-Verbindung ziemlich schnell den Smartfon-Akku leer (während das Kameramodul selbst gut durchhält) und die gelegentlichen Verzögerungen bei der Bildübertragung irritieren bei der “Regie”. Die QX10 basiert aber auf der gewöhnlichen Kompaktkamera Sony DSC-WX200, die als Komplettmodell eine Alternative ist (sie kostet vor etwa einem Jahr rund 200 Euro, jetzt ca. 140 Euro). Die Sony DSC-WX220 ist das Nachfolgemodell für ca. 160 Euro und im für mich relevanten Bereich Video leicht verbessert: Mit 1920 x 1080/50 p (ca. 24 Mbit/s) sowie AVCHD (bis zu 1.920 x 1.080/50 p bei 28 Mbit/s) und MP4 H.264 (bis zu 1.440 x 1.080/25 Bilder pro Sekunde bei 12 Mbit/s) bietet sie vor allem im “p”-Modus eine maximale Full-HD-Qualität.

Filmen mit der Sony WX220.

Filmen mit der Sony WX220.

Da ich natürlich gelegentlich auch Fotos machen möchte, bekommt dieses Modell den Vorzug gegenüber reinen Videokameras — allerdings schweren Herzens. Wie bei Schnappschußkameras üblich liefert sie im Fotomodus kein RAW und bietet keine manuelle Einstellmöglichkeiten, so daß man unterschiedlichen Automatikmodi ausgeliefert ist. Von der QX10 weiß ich, daß diese einigermaßen brauchbare Resultate liefern. Die Kamera bietet kein GPS und auch kein Schwenkdisplay — letzteres kann man durch die Fernsteuerungsfunktionen aber weitgehend ausgleichen. Erfreulich, daß es nur ein 10fach-Zoom hat. Weiterer Vorteil gegenüber der QX10: sie hat einen Blitz.

Praxis: Auspacken und loslegen.

Überraschung bei der Lieferung: Der Karton ist schon klein, was ich als Kamera herausnehme, ist winzig und läßt sich komplett in einer Handfläche verstecken (siehe bitte Bild oben) Im Vergleich wirkt die QX10 als abgespeckte WX200 regelrecht klotzig und ist auch deutlich dicker. Entsprechend fein fallen alle Bedienelemente aus, von denen es erfrischend wenige gibt — dafür ist das Menü sehr umfangreich. Wer schonmal eine Digitalknipse in der Hand hatte, wird sich auch ohne Anleitung zurechtfinden, denn was gedruckt mitgeliefert wird, spottet jeder Beschreibung (online werden dafür einige Informationen nachgeliefert, wobei ich mich über Menüpostendetails etwas wundere…). Leider sind die Bedienknöpfe alle leicht versenkt, was die Bedienung etwas fummelig macht. Für die Video-Aufnahme gibt es einen separaten Start-Knopf, den man jederzeit ohne spezielle Menüauswahl drücken kann.

Größenvergleich: Sony QX10 und WX 220.

Größenvergleich: Sony QX10 (vorne links) und WX 220 (oben rechts).

Im Gegensatz zu meiner Spiegelreflex, wo ich zur Datenübertragung eine solide CF-Karte aus dem Fach nehmen und per Cardreader schnell einlesen kann und auch den Akku extern lade, ist es bei der Sony anders vorgesehen. Den Akku kann man nur in der Kamera aufladen (Netzladekabel im Lieferumfang, ca. 115 Minuten), die SD-Speicherkarte sitzt direkt daneben. Es gibt zwar von Drittanbieter Sets mit Zusatzakku und externem Ladegerät (ca. 20 Euro bei Amazon oder Ebay). Leider ist — wie bei sehr vielen Kompaktkameras — die Halte- und Verschlußdeckelkonstruktion des Batteriefaches so windig, daß ich sie nicht öfter als unbedingt nötig betätigen möchte. Bricht dort eines der winzigen Teilchen ab, ist eine Reparatur meist nicht möglich und wohl gar nicht erst vorgesehen. Wer dann nicht mit “Gaffa Tape” oder “Sugru” improvisieren möchte, hat praktisch einen Totalverlust.

Für den Akku liefert Sony ein aufwendiges Ladegerät mit. (Quelle: PDF Anleitung / Sony)

Für den Akku liefert Sony ein aufwendiges Ladegerät mit.
(Quelle: PDF Anleitung / Sony)

In der Praxis hängt dann alles an dem Micro-USB-Anschluß, zum Glück nicht mehr an den bei Sony beliebten proprietären Spezialsteckern. Dieser befindet sich seitlich hinter einer Klappe, während ein Micro-HDMI-Anschluß ungeschützt neben dem Stativgewinde unter der Kamera zur Verfügung steht — ich hätte es mir umgekehrt gewünscht. So kann man via USB 2.0 Bilder übertragen und gleichzeitig den Akku laden, wozu erfreulicherweise auch fast alle anderen Ladegeräte für Smartfon oder Tablett-PC taugen. Natürlich unterliegt auch die Micro-USB-Buchse besonders durch Zugkräfte einem gewissen Verschleiß, der sich nach langer Nutzung nicht selten durch einen Wackelkontakt bemerkbar macht… (nicht seltenes Problem bei häufiger Nutzung von Tethering bei Spiegelreflexkameras im Studio).

Wegen des recht schwachbrüstigen Akkus mit nur 600 mAh — immerhin möchte ich vorwiegend filmen — überlege ich eine zeitlang auf ein “besseres” Modell mit stärkerem Akku zu wechseln, beispielsweise die WX350. Doch die Kamera ist nicht nur teuerer, sondern hat auch ein 20fach Zoom, was ich nicht möchte. Auch die etwas griffigere HX50 ärgert mich mit einem unsinnigen 30fach Zoom. Der Spruch “mußt du ja nicht nutzen” zählt nicht, weil solche Megazooms an physikalische Grenzen gehen müssen und deswegen m. E. schon konstruktionsbedingt schwächer als ein “ehrliches” 5- oder 10fach-Zoom sind. Wie dem auch sei, die Nachteile werden mehr, der Akku nur geringfügig leistungsfähiger. Ich plane deshalb erstmal mit einer sogenannten Powerbank, also einem externen Akku der je nach Ausführung locker zwischen 5.000 mAh und 22.000 mAh zur Verfügung stellen kann und notfalls Smartfon (zur WLAN-Steuerung) und Tablett-PC mitversorgen kann.

Praxis: Bitte lächeln!

Genug der Vorrede — was taugt die Kamera? Wie gesagt, es geht mir in erster Linie ums Video: Ich bin begeistert, natürlich auch auf Grund meiner Erfahrung mit der QX10. Die Videos, die zur Zeit vorwiegend in Räumen enstehen, sind klar und laufen flüssig auch ohne zusätzliche Beleuchtung (vielleicht mit einigen Abstrichen bei der Brillanz). Der Winzigkeit entpuppt sich als Vorteil, weil man die Kamera aus dem Handgelenk bedienen kann und sie dabei weitgehend ruhig bleibt, natürlich auch auf Grund der zusätzlichen Bildstabilisierung. Außerdem kann man während der Aufnahme Zoomen, wobei die Fahrt geschmeidig und nicht zu schnell durchläuft. Erfreulich, daß es dabei keine Geräusche in die Tonaufnahme überträgt.

Apropos Ton: Die Geräuschkulisse gehört natürlich zu einem Video dazu. Es ist erstaunlich, wie gut die beiden “Löcher im Gehäuse” Geräusche und Sprache aufnehmen. Bei der Akustik sicherlich kein Vergleich zu einem separaten Mikrofon, aber dennoch gut verständlich und in Räumen ohne störende Nebengeräusche. Unterwegs, besonders draußen, ist der Wind ein natürlicher Feind, bei dem auch die zusätzlich einstellbare Windreduzierung wenig hilft.

Sony WX220: Automatik über alles... (Quelle: PDF-Anleitung / Sony)

Sony WX220: Automatik über alles…
(Quelle: PDF-Anleitung / Sony)

Fotos kann man natürlich auch machen, was in diesem speziellen Fall die “Zugabe” ist. Wie schon bei der QX10 und anderen Modellen dieser Preis- und Leistungsklasse gibt es keine manuellen Steuerungsmöglichkeiten, man darf lediglich zwischen unterschiedlichen Automatiken wählen und das Dateiformat ist auf JPG beschränkt. Ich verwende meist “P” oder “intelligente Automatik”. Leider verhält es sich insgesamt wie bei Handy-Kameras: Bei Schönwetter ordentliche Qualität, doch bei schwierigen Lichtverhältnissen nur gut für Erinnerungsfotos… Das Beispiel entsteht an einem diesigen Tag, die Automatik regelt schnell auf ISO 800 (von möglichen 3.200). Die typischen Grieseleffekte Effekte lassen sich m. E. aber auch schon bei niedrigeren ISO feststellen (es sist sicherlich auch Resultat der internen Parameter). — Es ist wohl die Kröte, die ich schlucken muß, wenn ich preiswert Videos möchte…

Fotoeffekt? Nein JPG bei ISO 800.

Fotoeffekt? Nein, 1:1 Ausschnitt JPG bei ISO 800.

Bei so vielen Automatikmodi den passenden herauszusuchen ist bald so aufwendig, wie “richtig” zu fotografieren… Beispiel: Die intelligente Automatik erkennt zwar die Nacht korrekt, aber wenn ich von Hand im Scene-Modus die Nacht auswähle werden die Bilder deutlich besser (weil dabei wohl mehrere Bilder schon in der Kamera verrechnet werden).

Wenn man die Ergebnisse auf den Computer übertragen möchte, kann man die USB-Schnittstelle als MTP (nur Windows 7 und 8) oder Massenspeicher konfigurieren. Ich bevorzuge letzteres, weil sich in diesem Modus die Dateien verschieben bzw. direkt löschen lassen und anschließend die Speicherkarte leer ist. Allerdings hat dies seinen Preis, weil die Aufnahmen in unterschiedlichen Verzeichnissen “versteckt” werden:

  • DCIM bzw. die entsprechenden Unterordner für die Fotos
  • MP_ROOT für Videos im mp4-Format
  • PRIVATE / AVCHD / BDMV / STREAM für Videos im AVCHD- bzw. MTS-Format

Schwenkpanorama bis 180 Grad in einem Schuß.

Schwenkpanorama: Bis 180 Grad in einem Schuß.

Nettes Gimmick: Mit der Schwenkpanora-Funktion kann man direkt ein 180-Grad-Foto schießen. Es gelingt überraschend gut (zum Vergleich meine manuelle Aufnahme vom Frühjahr 2013), wobei die Höhe von 1.080 bzw. 1.920 Pixel als Grundlage die Filmfunktion vermuten läßt.

Fazit Sony WX 220

Wie gesagt, bei diesem Test geht es mir darum eine Kamera primär für Videozwecke im privaten Bereich zu finden. Mit den Videos bin ich — unter Berücksichtigung der Preisklasse und der technischen Grenzen — sehr zufrieden. Auf eine 32-GB-SD-Karte passen ungefähr 2½ Stunden Videoaufzeichnung AVCHD, als mp4 sogar etwa 5½ Stunden (oder ca. 3.600 Fotos). Die Aufnahmezeit einer Szene ist auf ca. 29 Minuten bzw. 2 GB/Datei begrenzt. Die Fotos sind dagegen geradeso zu gebrauchen. Interessant ist die WLAN-Fernsteuerfunktion, die sich via Tablett-PC gut für Zeitrafferaufnahmen oder unzugängliche Stellen und Experimente eignet (und dabei nicht auf OTG angewiesen ist). — Apropos: Das mobile Laden unterwegs per Powerbank hat gut geklappt.

Lohnt es sich mehr Geld für eine “bessere” Kamera auszugeben? Ich habe (bisher) keine Kamera gefunden, weil die teureren Modelle mit sinnvollen Möglichkeiten leider auch deutlich größer ausfallen, zum Beispiel als Bridge- oder Systemkamera. Und man kennt es schon von der geliebten Spiegelreflex: Wenn es nicht explizit ums Filmen und Fotografieren geht, greift sogar jemand mit 3.000-Euro-Kamera gern zur kleinen Kompakten die in die Jackentasche paßt — und selbst die bekommt zunehmend Konkurrenz durch Smartfons.

Jetzt heißt es erstmal Erfahrungen zu sammeln. Schließlich kommt jetzt auch noch eine Menge Software für Videobearbeitung hinzu…

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