Praxistest: ND-Filter mit variabler Dichte

Mit der Digitalfotografie ist vieles an Zubehör schlicht überflüssig geworden, wie praktisch alle Filter zur Farbkorrektur, zum Beispiel für Kunstlicht. Doch während Kamerahersteller einerseits mit immer höheren ISO-Zahlen protzen, möchte man andererseits das Licht sogar dämpfen. Dafür gibt es Graufilter, auch ND-Filter genannt (“Neutrale Dichte”). Diese sollen vors Objektiv gesetzt den Lichteinfall verringern, im Idealfall analog zu Blendenstufen und möglichst ohne dabei die Farben zu verfälschen.

Feste Werte oder variabler Filter?

Feste Werte oder variabler Filter?

Doch wozu soll das gut sein? Wenn weniger Licht auf den Sensor/Film kommt, muß man entweder die Blende öffnen (geringe Tiefenschärfe für Portraits) oder die Belichtungszeit verlängern (Wischeffekt bei bewegten Objekten), was in hellem Sonnenschein auch bei “schwachen” ISO 100/21 DIN nicht immer im gewünschten Maße möglich ist. Der übliche Weg ist die Verwendung von Filtern mit festen Werten, die entweder vorgeschraubt oder mit Hilfe einer universellen Halterung verwendet werden. Als Alternative werden immer öfter Filter mit variabler Dichte angeboten, wie beispielsweise der “Somikon Variabler Graufilter ND2 bis ND400” von Pearl.

Mit einem Filter variabler Dichte hat man mehrere Dichten auf einmal, was einerseits Geld gegenüber Einzelgrößen spart, andererseits kann man durch schlichtes Drehen die Dichte steuern, was Komfort und Schnelligkeit zu Gute kommt.Graufilter mit variabler Dichte. Mit ca. 25 Euro für die 67-mm-Ausführung ist der Preis gegenüber preiswerten Einzelfiltern plus Halterung/Adapterring auf 67 mm vergleichbar.

Graufilter mit variabler Dichte.

Bisher verwende ich nur konventionelle ND-Filter, dies sind also meine ersten Erfahrungen mit der neuen Technik. Wenn ich das richtig verstehe, ist das Prinzip dahinter ganz einfach: Es sind zwei Polarisationsfilter, die gegeneinander verdreht werden — haben wir schon vor 20 Jahren gemacht, allerdings waren solche Filter unerschwinglich teuer und deshalb auch nicht so verbreitet. Einzelne Polarisationsfilter werden gern für sattere Farben und Reduzierung nicht-metallischer Reflexionen angepriesen. Sie sollten immer drehbar gelagert sein, da davon die Wirkung abhängt. Deshalb ist es auch ungünstig, wenn sich beim Fokussieren das Filtergewinde dreht. Moderne Kameras mit Messung durchs Objektiv (Belichtung, Autofokus, TTL-Blitz) können außerdem aus dem Tritt kommen.

Ein Praxistest heißt Praxistest, weil ich keine Lust habe, im “Labor” Millimeterpapier zu fotografieren — das ist langweilig und oft eine Extremsituation, die in der Praxis eben kaum vorkommt. Andererseits rentiert es sich bei einem Test schon, wenn man mal eine Belichtungsreihe systematisch durchzieht.

Versuchsaufbau & Vergleichsaufnahmen

Mein praxisnaher Versuchsaufbau berücksichtigt einerseits bewegte Objekte, die andererseits aber lange genug zur Verfügung stehen müssen, um eine Belichtungsreihe mit der ganzen Einstellerei durchziehen zu können. Eine solche Situation findet man an einem Sonntag beispielsweise an der Autobahn. Da mir der Filter in der Größe 67 mm zur Verfügung steht, verwende mein Zoom 17 – 85 mm in der Einstellung 24 mm (entspricht im Bildwinkel 38 mm auf Vollformat). Die Blende gebe ich mit f 8 vor, ISO 125/22 DIN, die Belichtungszeit wird über Zeitautomatik (AV) automatisch gesteuert, der Autofokus aber abgestellt (nicht, weil es nicht funktionieren würde, sondern weil er bei vorbeiflitzenden Autos immer neu fokussiert). Bei den Testaufnahmen achte ich natürlich darauf, daß immer mehrere Autos durch Bild fahren. Ich möchte also erst den Wischeffekt verstärken und die Autos am Ende vielleicht ganz verschwinden lassen. Die Kamera ist natürlich auf ein Stativ montiert, Aufnahme per Fernauslöser. Natürlich gibt es trotz des bedeckten Himmels prinzipiell kleine Beleuchtungsunterschiede zwischen den einzelnen Fotos. Die Screenshots zeigen jeweils den unbearbeiteten RAW-Import in Lightroom.

Vergleichsbilder ohne und mit konventionellem ND-Filter.

Vergleichsbilder ohne (Nr. 1-3) und mit konventionellem ND-Filter (Nr. 4-12).

Die Bilder 1 bis 3 (Numerierung auf den “Diarähmchen” oben links) mache ich ganz normal, ohne Filter, aber noch mit Streulichtblende. Danach verwende ich Einsteckfilter unterschiedlicher Dichte, zuletzt sogar kombiniert (ab hier ohne Streulichtblende). Wie der Kontaktabzug zeigt, ist auf allen Bildern die Belichtung ausgeglichen. Nur an Hand der Belichtungszeiten kann man auf die Verwendung des Filters schließen, denn sie verlängert sich von 1/200 s auf 1/6 s.

Versuchsreihe #1

Jetzt kommt der Graufilter mit variabler Dichte vor die Linse. Er ist zweiteilig montiert, so daß man den vorderen Teil drehen kann. Auf dem Rand findet sich eine Skala, die zwischen “MIN” und “MAX” allerdings nur fetter werdende Pünktchen zeigt — eine Beschriftung nach Blendenwerten bzw. ND-Äquivalenten oder eine Rastung fehlt leider. Ich beginne min “MIN” und 1/40 s (Bild Nr. 13), dann geht es zunächst in 3er-Schritten weiter (rote Numerierung ist Anzahl der Pünktchen). Wenn ich nicht sicher bin, ob ich ein Auto erwischt habe, mache ich manchmal eine zweite Aufnahme.

Belichtungsreihe für ND-Filter mit variabler Dichte.

Belichtungsreihe für ND-Filter mit variabler Dichte.

Die erste leichte Änderung kommt bei Bild 18 mit Einstellung “9” (1/30 s), dann geht es in Zehntelschritten weiter. Die 1/6 s meiner o. g. Kontrollreihe mit normalen Filtern erreiche ich bei Bild 23 mit der Einstellung “16”. Da ist ja nicht mehr viel Luft, um auf die versprochenen ND 400 zu kommen… Bei Bild 25 und Einstellung “18” liegt die Belichtungszeit bei 1/2 s und bei “MAX” schließlich bei 1/3 s. Das sieht nicht nach ND 400 aus. Dafür fällt aber etwas anderes auf: Besonders bei Bild 25 und 26 mit Einstellung “18” gibt es links oben und rechts unten deutliche Abschattungen. Bei kritischerem Hinsehen scheint sich das Phänomen bereits ab Bild 20 anzukündigen und bis “MAX” wieder abzuschwächen.

Versuchsreihe #2

Da ich die Abschattung schon auf dem Kameradisplay erahne, mache ich noch eine zweite Belichtungsreihe. Der dunkle Asphalt ist zwar eine weitgehend homogene Fläche, aber dort fällt diese Abschattung trotzdem nicht deutlicher auf (Bilder 31 bis 39; da werde ich später wohl doch noch mal eine Testreihe mit hellem Hintergrund machen müssen).

Belichtungsreihe mit manuellen Einstellungen.

Belichtungsreihe mit manuellen Einstellungen.

Doch eigentlich geht es mir noch um eine andere Sache: Durch Herumspielen mit dem Filter fällt mir auf, daß er erst außerhalb der Skala seinen dunkelsten Wert erreicht und dabei fast schwarz wird. Die Zeitautomatik liefert unrealistische 1/25 s und wird abgeschaltet. Stattdessen mache ich manuell eine Belichtungsreihe. Ab 1/4 s ist etwas erkennbar, bei etwa 4 s scheint die korrekte Belichtung zu beginnen. Obwohl — es ist ein Praxistest — durchfahrende Fahrzeuge für einen Teil der Schlieren verantwortlich sein werden, scheint mir die unregelmäßige Helligkeitsverteilung wenigstens zum Teil auf den Filter bzw. diese spezielle Einstellung zurückzugehen.

Fazit

Mein Eindruck von dem Graufilter mit variabler Dichte ist durchwachsen: Erstaunlich, daß ich fast die ganze Zeit problemlos die Belichtungsautomatik verwenden kann, lediglich das Okular sollte man abdecken, da Lichteinfall die Messung negativ beeinflussen kann. Subjektiv gibt es eine leichte Farbverschiebung nach gelb — was mich bei RAW-Aufnahmen allerdings kalt läßt. Man spart Geld gegenüber Einzelfiltern und kann durch simples Drehen ohne “Umbau” die Dichte verändern. Allerdings hat die angebrachte Skala keinen praktischen Nutzen in Bezug auf die üblichen Dichteangaben.

Damit könnte ich leben, wenn es nicht deutliche Schwächen gäbe: a) die Abschattung etwa ab Einstellung “15” sowie b) ein ziemlich abrupter Wechsel auf fast schwarz außerhalb der Skala, der außerdem ein unbefriedigendes Bild liefert. Dazu kommt das alte Problem, daß man für andere Objektivdurchmesser andere Größen bzw. Adapterringe benötigt und bei Weitwinkelobjektiven eventuell mit Vignettierungen zu rechnen hat. Obwohl die Abschattung sicherlich bei vielen Fotos ohne gleichmäßige, helle Vergleichsflächen wahrscheinlich gar nicht auffallen würde, reicht es zu wissen, daß sie in unpassenden Momenten auftauchen könnte. Etwas anderes ist es möglicherweise, wenn man einen solchen Filter für Filmaufnahmen verwendet.

Ich hätte es echt cool gefunden, wenn es zuverlässig funktionieren würde. Aber auf Grund des Funktionsprinzips mit zwei Polarisationsfiltern bin ich da ziemlich skeptisch, ob es überhaupt “perfekt” möglich ist. Da ich ND-Filter fast ausschließlich für lange Belichtungszeiten vom Stativ aus einsetze, sehe ich in konventionellen Einsteckfiltern mit fester Dichte zumindest keinen Nachteil für mich. Auch Neueinsteiger werden mit dem “umständlichen” Einzelfiltersystem langfristig wahrscheinlich besser fahren, als mit einem Filter, der tendenziell “irgendwie” abdunkelt. — Da beim Update diesen ersten Eindruck bestätigt (zu anderer Zeit an anderem Ort), werde ich bei Einzelfiltern bleiben.

 

[Update]

Wie versprochen habe ich nun doch noch eine Belichtungsreihe gegen einen hellen Hintergrund gemacht: Eine Landschaftsaufnahme mit Windrädern vor strahlend blauem Himmel (Sonne im Rücken) und schönen weißen Wolken.

Belichtungsreihe mit hellem Hintergrund

Belichtungsreihe mit hellem Hintergrund.

Die Bilder 1 bis 3 sind zum Vergleich “ohne alles” gemacht, wieder bei Blende 8, ISO 125/22 DIN (auch ohne Streulichtblende, da ich sie beim Filter ja auch nicht verwenden kann). Ab Bild 4 arbeite ich die Skala in 3er Schritten von “MIN” bis “MAX” ab. Auffällig ist diesmal ein deutlicher Gelbstich, der später zu einem leichten Rotstich wechselt (alles subjektiv ohne Meßgeräte). Innerhalb des mit der Skala markierten Bereiches bemerkt man die Abschattung “irgendwie diffus”, doch außerhalb — was dann wohl auch ND 400 sein soll — tritt der Effekt drastisch zutage. Da ich der Ansicht bin, Bilder schon bei der Aufnahme so gut wie möglich zu machen (und nicht hinterher alles zu “photoshoppen”), sollte man vermeidbare Fehler vermeiden — d. h. auf einen Filter mit ungleichmäßiger Helligkeit und Farbstich verzichten, zumal die dunkelste Einstellung unbrauchbar ist. — Trotzdem sollte man das Thema Langzeitbelichtung nicht nur mit Nachtaufnahmen verbinden und mit ND-Filtern experimentieren.

So ganz am Rand wundere ich mich auch über den Erklärungstext auf der Filterpackung: “Ermöglicht längere Verschlusszeiten und mehr Schärfentiefe bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen” — m. E. geht es um weniger Schärfentiefe, weil man ja bei hellem Licht trotzdem eine offene Blende haben möchte.

 

(Das Gerät wurde vom Hersteller/Verkäufer ohne redaktionelle Auflagen als kostenlose Teststellung zur Verfügung gestellt.)

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