Praxistest: Braucht man ein Makro-Objektiv? — Teil 2

Wie in meinem ersten Teil angekündigt, mache ich noch eine weitere Versuchsreihe, da die erste doch sehr improvisiert ist. Lange überlege ich mir, wie ich meinen Anspruch an Praxisrelevanz und (technischer) Vergleichbarkeit zusammenbringen kann. In meinem “Studio” baue ich als geduldig stillhaltendes Motiv unterschiedliche technische Dinge auf, wie beispielsweise eine alte Schreibmaschine. Doch nach ersten Probeaufnahmen zeigt sich: Technik wird mit Makro nur größer, kaum interessanter…

Technik-Makro einer Schreibmaschine

Technik-Makro einer Schreibmaschine

Also gehe ich in den Garten und schnippele ausnahmsweise ein Ästchen Blaukissen ab, um es diesmal unter “kontrollierten Bedingungen” abzulichten. Denn je weiter man sich bei einer Blüte vorarbeitet, desto mehr Details kann man entdecken — das macht m. E. auch den Reiz der Makrofotografie aus.


Der Versuchsaufbau

Als Versuchsaufbau ist die Kamera auf ein Stativ mit Einstellschlitten montiert mit dem ich auch die erste grobe Bei 1 : 1 geht es buchstäblich nah ran.Fokussierung mache. Der Abstand von der Frontlinse ist 30 cm oder deutlich näher. Der Blütendurchmesser beträgt etwa 3 – 4 cm. Insgesamt schieße ich rund 120 Bilder, von denen ich — subjektiv — eine Auswahl treffe, unter dem Aspekt das jeweils beste Foto mit dem betreffenden Objektiv herauszufischen, aber auch “vergleichbar” zu bleiben.

Bei 1 : 1 geht es buchstäblich nah ran.

Da ich auf Grund der unterschiedlichen Brennweiten und später auch wg. der Montagemöglichkeiten den Abstand verändern muß, erreiche ich leider nicht immer den exakt gleichen Bildausschnitt und trotz aller Vorsicht verdreht sich die Blüte zwischendurch etwas. Die Beleuchtung ist natürliches Licht durch ein Dachfenster bei bewölktem Himmel und aufhellende Reflektoren von der Seite. Die Kamerasteuerung mache ich per Fernauslösung via Notebook über das von Canon mitgelieferte EOS-Utility.

Hinweis: Durch Klicken auf ein Foto wird eine größere Version in Abhängigkeit der nativen Bildschirmauflösung angezeigt. Es ist nur bedingt hilfreich mit der Zoomfunktion des Browsers die Bilder weiter zu vergrößern, da dies natürlich nur komprimierte JPGs sind.

Wegen der Vergleichbarkeit habe ich die Bilder nur wenig bearbeitet, aber RAWs müssen nachbearbeitet werden. Bei den beiden Makroobjektiven und dem normalen 50er verwende ich deshalb identische Entwicklungseinstellungen — man könnte sicherlich durch individuelle Bearbeitung noch einiges herausholen. Das ist dann schon die Frage, in wie weit Bildbearbeitung ganz selbstverständlich Teil einer “normalen Belichtung” und nicht “Manipulation” ist.

Fünf Aufnahmen mit fünf Objektiven.

Fünf Aufnahmen mit fünf Objektiven.

 

Die Kandidaten

Als erstes mache ich die Bilder mit dem Tamron 60 mm, eine komplette Belichtungsreihe von f2,0 bis f22. Als Referenzbild wähle ich Blende 8 bei 1/6 s (ISO 100/21 DIN).

Tamron 60 mm, Blende 8, 1/6 s (ISO 100/21 DIN).

Tamron 60 mm, Blende 8, 1/6 s (ISO 100/21 DIN).

Auch mit dem Sigma 50 mm mache ich eine komplette Belichtungsreihe, die hier von f2,8 bis f45 reicht. Wegen der Vergleichbarkeit, verwende ich hier ebenfalls das Foto mit Blende 8 bei 1/6 s (ISO 100/21 DIN).

Sigma 50 mm, Blende 8, 1/6 s (ISO 100/21 DIN).

Sigma 50 mm, Blende 8, 1/6 s (ISO 100/21 DIN).

Dann kommt mein “Geheimtipp”, das preiswerte Canon Normalobjektiv, dessen ungünstige Naheinstellgrenze ich mit Hilfe zweier Zwischenringe um 32 mm verkürze, was einen fast so engen Bildausschnitt wie bei den Makroobjektiven ermöglicht. Auch hier ähnliche Aufnahmewerte: Blende 8 bei 1/8 s (ISO 100/21 DIN).

Canon 50 mm mit 32 mm Zwischenring, Blende 8, 1/8 s (ISO 100/21 DIN).

Canon 50 mm mit 32 mm Zwischenring, Blende 8, 1/8 s (ISO 100/21 DIN).

Bild Nummero 4 ist das mechanische Revuenon mit 50 mm, das in Retro-Stellung im selben Aufbau fast den selben Bildausschnitt darstellt. Da es ein rein mechanisches Objektiv ist, kann die Blende stufenweise geschlossen werden (bei modernen elektronisch gesteuerten Objektiven ist dies problematisch), was sich durchaus bemerkbar macht.

Revuenon 50 mm Retro

Revuenon 50 mm Retro

Das letzte Bild ist ebenfalls eine Retro-Aufnahme, diesmal aber mit 35 mm und entsprechend näher dran (es ist ein “Noname” C/D Camera). Auch hier kann die Blende von Hand gesteuert werden, um auch die Schärfentiefe zu erweitern.

Noname 35 mm Retro

Noname 35 mm Retro

Mit allen Objektiven bekommt man gute Bilder hin. Auf eine Einzelinterpretation der Bilder verzichte ich, da sie im Rahmen der Praxisbedingungen nur beispielhaften Charakter haben sollen. Ich bin sicher, daß man noch mehr herausholen kann, wenn man sich auf ein Motiv, ein Objektiv und einen Workflow konzentriert und “einschießt”. Wer auf Meßprotokolle Wert legt, sollte einschlägige Webseiten aufsuchen, zum Beispiel “dpreview“.

Sigma in 1 : 1 Darstellung.

Sigma in 1 : 1 Darstellung.

Für die “Pixelpeeper” spendiere ich noch ein 1 : 1 Crop des Sigma-Testbildes.

Fazit

Die Fragestellung dieser persönlichen Versuchsreihe lautet: Braucht man ein Makro-Objektiv? Und die persönliche Antwort: Kommt darauf an…

Im direkten Vergleich muß man die Effektivität von Retro-Montage relativieren. Mit einer Investition von etwa 15 Euro in einen Umkehrring kann man einiges erreichen, aber die Handhabung ist umständlich. Ein Foto mit Retro-Objektiv ist ziemlich flau, kann aber durch Bildbearbeitung recht unkompliziert in den brauchbaren Bereich gehievt werden. In Retro-Stellung hat die Blende trotz der “verdrehten” Nutzung hinsichtlich der Belichtung eine ähnliche Wirkung wie bei normaler Montage. Auch die Schärfentiefe vergrößert sich mit schließender Blendenöffnung.

Die Zwischenringe sind eine gute Alternative zum expliziten Makroobjektiv, wenn man schon über eine ordentliche Optik verfügt. Selbst das preiswerte Normalobjektiv liefert schon gute Ergebnisse, mein Canon 35er (hier nicht dabei) noch bessere. Mit den etwas teureren Zwischenringen um die 80 Euro bleiben auch alle Automatikfunktionen erhalten, man kann nur nicht nahtlos auf unendlich gehen.

Ein echtes Makroobjektiv “braucht” man nicht unbedingt, macht aber Spaß, da Abbildungsqualität und Handhabung punkten können. Preislich liegen beide Objektive mit etwa 300 Euro noch im bezahlbaren und vergleichbaren Bereich “normaler” Objektive. Wenn es ganz nah ans Motiv geht, muß man bei AF-Betrieb allerdings bei beiden Objektiven mit “ratlosem” Hin- und Hergeschiebe rechnen und schaltet auf manuellen Fokus um (zu den “Problemchen” rund ums Makro folgt wahrscheinlich noch ein dritter Teil). Interessantes Detail am Sigma ist der “Limit”-Schalter für Begrenzung des Fokusbereiches auf Makro sowie die minimale Blende 45 für viel Schärfentiefe (wobei sich dann wieder die Frage der Beugung auftut). Unpraktisch dagegen der extrem lange Auszug sowie der nicht entkoppelte Schärfering (man muß ggf. explizit auf MF umschalten). Das Tamron hat mit f2 eine angenehme Lichtstärke, die auch bei “normalen” Aufnahmen nützlich ist und prinzipiell für ein helleres Sucherbild sorgt. Durch die etwas längere Brennweite und die Innenfokussierung gewährt es auch mehr Spielraum, so daß man nicht ganz so nah ans Motiv heran muß und nicht schlimmstenfalls sogar anstößt. Der Schärfering ist entkoppelt, so daß man auch bei AF manuell eingreifen kann. — Wer einerseits mit einer 50er Festbrennweite liebäugelt, aber auch der Makrofotografie nicht abgeneigt ist, kann mit einem Makroobjektiv beides haben. Dabei ist das Tamron m. E. wegen der Lichtstärke, Innenfokussierung und schnellem AF z. Zt. der etwas bessere Allrounder.

 

(Das Tamron-Objektiv wurde vom Hersteller/Verkäufer ohne redaktionelle Auflagen als kostenlose Teststellung zur Verfügung gestellt, das Sigma-Objektiv ist eine private Leihgabe, alles andere eigene Ausrüstung.)

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