Alte Negative sind RAW — Gold mit dem Scanner heben.

In der dunklen Jahreszeit hat man Muße, ein wenig Grundlagenforschung zu betreiben. Da sich glücklicherweise mein geliebter Scanner auch unter Windows 7 / 64 Bit betreiben läßt (was bei 64 Bit gar nicht so selbstverständlich zu sein scheint wenn das Gerät älter als drei Jahre ist), möchte ich ein paar Negative scannen.

Gut behütet: Negative in Pergamenthüllen.

Gut behütet: Negative in Pergamenthüllen.

Mein Scanner verfügt über eine eingebaute Durchlichteinheit. Damit lassen sich neben normalen Papieren auch Diapositive oder sogar Filmstreifen scannen (leider nur Kleinbildformat 135er aka “Vollformat”. Negative sollen nicht nur gescannt werden, weil mir “Abzüge” fehlen, sondern weil ich mir davon auch eine bessere Qualität verspreche.


Grundsätzliche Überlegungen

Zuerst scanne ich nur mit einem mobilen Handscanner Erinnerungsfotos aus den Fotoalben meiner Eltern. Das geht schnell und einfach, doch die Qualität hängt natürlich auch stark von der ursprünglichen Ausarbeitung des vorliegenden Abzugs ab. Ob es Negative dazu gibt, wer weiß… es ist jedenfalls eine mühsame Suche, da man nie weiß, ob die Negativstreifen in Pergamenthüllen abgelegt sind oder sie sogar noch in den Fototaschen des Geschäfts liegen (Prinzip Schuhkarton). Trotz Beschriftung mit Datum und (Haupt-) Thema — wie ich es heute noch mit Ordnern mache — ist das Aufspüren aufwendig. Zum Teil drehe ich die “Suche” um, blättere in den Negativen und suche mit der Lupe interessante Motive heraus.

Doch warum der Aufwand? Um von einem Negativ eine Vergrößerung herzustellen (auch “Abzug”), wird das Negativ im Labor praktisch abfotografiert. Dabei sehe ich folgende Knackpunkte:

  1. Kann das (damals) verwendete Fotopapier den Kontrastumfang des Negativs in vollem Umfang abbilden?
  2. Hat das Labor sorgfältig genug gearbeitet, um das bestmögliche Ergebnis herauszuholen?

Die (theoretisch) technischen Abbildungsmöglichkeiten (1) lassen sich nicht eindeutig klären, zumal es ja auch unterschiedliche Sorten, Emulsionen und Papierhersteller gibt. Bei der Sorgfalt (2) habe ich auch meine Zweifel, weil ich selbst im Labor Abzüge erstellt habe, weiß wie mühsam das ist und es darüber hinaus “Ansichtssachen” gibt. Und (3) kommt die Alterung oder sogar Verschleiß der Abzüge hinzu, die Bilder wieder verschlechtern.

Schachtanlage Lehrte.

Schachtanlage bei Lehrte um 1980.

Das Foto zeigt die Schachtanlage Bergmannssegen-Hugo bei Lehrte (Region Hannover), das von 1913 bis 1994 in Betrieb ist. 2003 dient es auch als Kulisse für den dokumentarischen Spielfilm “Das Wunder von Lengede”. Das Foto ist von ca. 1980, Ilford Pan F (18 DIN).

Kurz: Das original Negativ ist quasi mein RAW für das Foto. Genau genommen ist es natürlich schon fertig entwickelt und somit einige Parameter unwiderruflich festgelegt — daran kann man natürlich nichts mehr ändern. Ich kann aber durch das Scannen und eine anschließende Bearbeitung in Lightroom den zweiten Foto-Prozeß — das “Abfotografieren” — deutlich beeinflussen.

Software zum Scannen

Zu meinem ersten Scanner bekomme ich das aktuelle Photoshop noch gratis dazu (der kostet ja auch 1.200 DEM plus SCSI-Schnittstelle). Das konditioniert viele Nutzer bis heute, aus Photoshop zu scannen. Für eine eventuelle Nachbearbeitung sicherlich kein schlechter Gedanke, aber so weit sind wir ja noch nicht. So kann Photoshop via Twain-Schnittstelle jeweils nur ein Bild entgegennehmen, was sich im weiteren Verlauf als ärgerlicher Engpaß erweist. Das Scannen selbst erledigt sowieso eine externe Software, oft schlicht “Treiber” genannt obwohl sie meist deutlich leistungsfähiger ist. Wesentlich schlanker ist der Bildbetrachter Irfanview, der den Scanner ebenfalls via Twain ansteuern kann. Die Software bietet umfangreiche Bearbeitungsfunktionen.Doch warum nicht “back to the roots” und gleich das vom Hersteller gelieferte Tool verwenden? Es ermöglicht zahlreiche Einstellungen — auf die Photoshop & Co. sowieso keinen Einfluß hat — und liefert außerdem maximal sechs Bilder auf einen Streich.

Die Software bietet umfangreiche Bearbeitungsfunktionen.

Es gibt einen “Automatik”- und einen “Profi”-Modus. Erst bei letzterem habe ich Zugriff auf alle möglichen Einstellungen. Dabei gilt wie immer: Mehr Stellschrauben bedeuten mehr Möglichkeiten, aber auch mehr Verantwortung beim Nutzer. Was sind also die “richtigen” Einstellungen? Wenn man jemanden aus der Druckerei fragt, kann er da vieles genau berechnen. Allerdings nur unter der Voraussetzung, daß die Verwendung schon genau fest liegt. Doch in diesem Fall möchte ich das Negativ “optimal” scannen und es dann unterschiedlich verwenden: auf der Website, für die Zeitung oder als Abzug fürs Fotoalbum.

Deshalb starte ich schlicht eine Versuchsreihe (zunächst nur für Schwarzweiß-Negative). Wenn ich jetzt stur alle Parameterkombinationen ausprobieren wollte, könnte ich ich die nächsten Jahre sicherlich Tausende von Tests durchführen. Ich entscheide also folgendes:

  1. “Eingebaute” Korrekturen werden nicht genutzt, sondern lediglich exemplarisch getestet.
  2. Untersucht wird lediglich die Auflösung sowie vielleicht der Einfluß des Bildtyps (besonders bei Farbe).

Auflösungen von 150 bis 12.800 dpi ausprobiert.

Auflösungen von 150 bis 12.800 dpi ausprobiert.

Das Original ist ein Ilford Pan F mit 18 DIN (ISO 50). Ich beginne bei den für Papier üblichen 150 dpi und verdoppele mit jedem Vorgang die Auflösung bis zum einstellbaren Maximum 12.800 dpi. Zusätzlich verwende 3.200 dpi, die laut Datenblatt die native Auflösung des Scanners darstellt.

Auflösung
(dpi)
Pixel Größe
(kB TIF)
Größe
(kB JPG)
Bemerkung

150

203 * 133
26.999

84

19

300

407 * 267
108.669

284

67

600

814 * 535
435.490

1.083

236

1.200

1.628 * 1.071
1.743.588

4.287

897

2.400

3256 * 2143
6.977.608

16.908

3.000

3.200

4341 * 2858
12.406.578

28.247

5.252

native Auflösung

4.800

65124287
27.916.944

67.253

10.423

Warnung Zeit/Speicher

9.600

13024 * 8575
111.680.800

263.436

33.619

12.800

17.365 * 11.434
198.551.410

463.185

51.066

Maximum (interpoliert)

Auflösung und Dateigröße beim Scannen.

Ab 4.800 dpi warnt die Software davor, daß Zeit- und Speicheraufwand stark anwachsen würden. In der Tat, die letzten Versuche beanspruchen um die zwei bis drei Minuten und auch die Dateigröße steigt stark an. Ich verwende allerdings unkomprimiertes TIF (16 Bit Graustufen), weil ich ja anschließend die Auflösung beurteilen können möchte. Zum Vergleich konvertiere ich alle Dateien zu JPG — was den der RAW-Idee aber zuwider läuft (doch wie immer bringt JPG große Einsparungen). — Für die spätere Bildbearbeitung in Lightroom bleibt es selbstverständlich bei TIF.

Vergleich von 1.200 bis 12.800 dpi.

Vergleich von 1.200 bis 12.800 dpi.

Wie immer ist dies ein Praxistest: Das heißt, ich nehme Bilder aus der Praxis die auch wirklich verwenden möchte. Die kleinen, bei Papier üblichen Formate von 150 bis 600 dpi sortiere ich schnell aus. Ab 1.200 dpi wird es interessant. Doch wo hat man das beste Verhältnis von Aufwand und Qualität? Ich lade alle Dateien in Photoshop und lasse die Fenster nebeneinander anordnen. Zum Vergleich suche ich mir einen Bildausschnitt mit Linien und Strukturen, bei denen Mängel besonders auffallen (300 Prozent bei 1.200 dpi).

Auflösungen zwischen 1.200 und 12.800 dpi.

Auflösungen zwischen 1.200 und 12.800 dpi.

In der normalen Darstellung fallen kaum Unterschiede auf. Erst bei den Details bemerke ich bei der 1.200-dpi-Auflösung typische Treppchen bei schräg laufenden Linien. Dagegen scheinen die restlichen Auflösungen gleichwertig: einige Bereiche scheinen minimal klarer, aber es tauchen keine wirklich neuen Details auf. Die 1.200 dpi reichen schon für eine Postkarte, darüber hinaus sollten es 2.400 dpi oder 3.600 dpi sein. Danach scheint sich m. E. nichts mehr zu tun.

Eingebaute Korrekturen

Jetzt noch die Überprüfung der Korrekturmöglichkeiten. Die Software des Scanners bietet direkt beim Scannen diverse Korrekturmöglichkeiten:

  • Unscharfe Maske
  • Kornreduzierung
  • Farbwiederherstellung
  • Korrektur Hintergrundbeleuchtung
  • Staubentfernung
  • Histogrammanpassung
  • Tonwertkorrektur
  • Bildkorrektur

Alles Funktionen, die man von einer Bildbearbeitung kennt. Der Haken: Sie werden alle automatisch beim/nach dem Scannen angewandt. Ich möchte mir ja eine gute Grundlage für die Weiterbearbeitung schaffen, deshalb lasse ich alles ungenutzt.

Eine unscharfe Maskierung hinterläßt Spuren...

Eine unscharfe Maskierung (links) hinterläßt bleibenden Eindruck…

Für die Massenverarbeitung kann man diese Funktionen durchaus nutzen. Zum Vergleich aktiviere ich zum Schärfen die unscharfe Maskierung: Das Ergebnis kann sich sehen lassen, das Bild ist klar und kontrastreich. Allerdings ist diese Schärfe nun quasi “eingebrannt” und möglicherweise wirkt sie in anderen Bildteilen kontraproduktiv. Bei noch stärkerer Vergrößerung kann man beispielsweise schon einen leichten Saum am oberen Geländer erkennen, womit sich Überschärfen ankündigt. Außerdem tritt die Körnung nun deutlicher hervor… Kein Problem, dazu gibt es ja die Kornreduzierung. Die arbeitet praktisch als Weichzeichner und läßt die Körnung verschwinden — und mit ihr soeben geschärfte Details.

Statt sich hier der Automatik auszuliefern, importiere ich später den unbearbeiteten — “rohen” (raw) — und scheinbar etwas flauen Scan nach Lightroom und kann dort dieselben Werkzeuge anwenden, allerdings gezielt und mit Rücknahmeoption. Bei Schwarzweiß-Negativen verwende ich Graustufen-TIF mit 16 Bit. Bei Farbbildern ist zu prüfen, ob die von der Software angebotenen 48 Bit ähnliche Spielräume ermöglichen wie die 42 Bit meiner Digitalkamera (42 Bit entsprechen rund 4,4 Billionen(!) Farbabstufungen, bei 48 Bit sind es etwa 281 Billionen Farben).

Fazit

Der empirisch gefundene Wert zum Scannen von Schwarzweißnegativen liegt — auf meinem Scanner — bei 2.400 oder 3.600 dpi, letztere mit dem Pluspunkt, daß es sich um die native Auflösung handelt. Allerdings sind die unkromprimierten Dateien mit 17 bzw. 28 Megabyte schon ganz schön groß und auch das Scannen dauert merklich länger. Die “eingebauten” Korrekturen sind effektiv, doch man sollte sie nur verwenden, wenn man “garantiert” nicht selbst mit einer Bildbearbeitung ran will.

Der Zeitaufwand ist enorm. Dabei spielt weniger das Scannen selbst ein Rolle, sondern der Weg durchs Archiv. Insbesondere Filmstreifen kann man kaum automatisiert verarbeiten, für Dias gibt es Scanner die wie ein Diaprojektor Magazine mit 50 und mehr Bildern verarbeiten können. Außerdem gibt es Dienstleister, eventuell sogar ein preiswerter Drogeriemarkt (wobei mich eine mitgelieferte Foto-CD nicht überzeugt hat).

Trotzdem macht es Spaß, den alten Bildern modernes Leben einzuhauchen. Gerade bei Schwarzweiß gibt es noch die Kolorierung. Oder man nimmt die alten Bilder als Vorlage für einen Damals-Heute-Vergleich.

Comments

comments

Leave a Reply

Your email address will not be published.