Mobil unterwegs: 10-Zoll-Tablett für 60 Euro — ist das ein Schnäppchen? [Update]

Der klassische Desktop-PC stirbt aus, nach dem Boom der Netbooks kommen nun die Tablet(t) s. Vollkommen ausreichend zum Surfen, Chatten und ein paar Kleinigkeiten mehr — und sie nehmen nicht einen ganzen Schreibtisch in Beschlag. Trotzdem liegt manches Gerät durchaus in der Preisklasse eines normalen Computers, weshalb nach Schnäppchen Ausschau hält…

Archos Arnova 10b Tablett-PC (Quelle: Ebay)

Archos Arnova 10b Tablett-PC
(Quelle: Ebay)

Anfang Oktober 2013 wird bei Ebay ein “ARCHOS ARNOVA 10b G2 Tablet, 25.4cm (10″) DualTouch Display, Android 2.3, 4GB” angeboten — für 60 Euro inkl. Versand. Da kann man doch nichts falsch machen — was würde ich einem Freund antworten? Es kommt darauf an, was du machen möchtest… (irgendwie Radio Eriwan )


Keine Mißverständnisse: Ich möchte weder Hersteller noch den Anbieter madig machen — hier geht es nur darum, wo meiner Meinung nach ein “günstiger Preis” herkommt und welche Einschränkungen damit möglicherweise verbunden sind. Ein Testgerät steht leider nicht zur Verfügung.

Technische Eckdaten

Der Hersteller preist das Gerät mit allen möglichen Einsatzgebieten an, wobei auch technische Eckdaten einfließen. Zum Schluß wird man noch mit Details bombardiert, die für eine praktische Einschätzung m. E. allerdings eine intime Kenntnis der Technik voraussetzen. — Wo man genauer hinsehen sollte:

  • “…großes 10.1″ Display. Die Display mit einer Auflösung von 1024 x 600 Pixel …” — das entspricht m. W. nicht Full HD (entsprechende Videos können wohl dargestellt werden, indem sie runtergerechnet werden — das ist m. E. aber nicht der Sinn von Full HD…). Für Fotos wäre IPS wegen der besseren Farbdarstellung sinnvoll, da es nicht explizit genannt wird, wird es wahrscheinlich fehlen. Auflösung ist deutlich geringer als bei typischen 10-Zoll- sowie auch 8-Zoll-Geräten.
  • Resistives Dualtouch” — es reagiert auf Druck (nicht Berührung = kapazitiv) und kann dabei zwei Punkte gleichzeitig unterscheiden. Das vermeidet durch geringere Empfindlichkeit zwar unbeabsichtigtes Auslösen, ist aber unter dem Strich veraltet.
  • Der 1 GHz ARM Cortex A8 Prozessor sorgt für reichlich Leistung” — reichlich ist reichlich übertrieben. Inzwischen haben sogar Smartfons zwei oder vier Kerne. Für ein Tablett mag unter bestimmten Umständen einer noch reichen, sonst würde ich allerdings zwei oder vier bevorzugen.
  • Frontwebcam — zeigt zum Benutzer und taugt deshalb nur für Skype u.ä., schlecht zum Fotografieren oder Filmen oder virtual reality wie beispielsweise mit Goggles.
  • “… basieren auf Android 2.3 (Gingerbread) …” — immerhin, denn ältere Archos haben noch ein ganz eigenes OS. Trotzdem ist diese Version veraltet, aktuell ist 4.3 (das zugegebenermaßen auf dieser Hardware wohl nicht laufen würde)
  • “…Tablet ist sofort startklar – auf dem Tablet sind ausgewählte Apps bereits vorinstalliert. Darüber hinaus bietet das AppsLib Portal eine umfangreiche Anzahl der besten Android™ Apps … (…) Viele Apps wurden auf dem ARNOVA Tablet getestet und sind besonders gekennzeichnet.” — Das heißt, der offizielle Store Google Play ist nicht verfügbar und die Auswahl deutlich eingeschränkt und tendenziell veraltet.
  • Über WiFi haben Sie jederzeit Zugriff auf Internet und Emails.” — aber nur in Reichweite eines WLANs, kein 3G. Ist für ein Tablett in Ordnung, vor allem in Verbindung mit einem Smartfon das einen WLAN-Hotspot aufspannen kann (man sollte es nur wissen).
  • GPS — wird nicht erwähnt und ist deshalb vermutlich nicht an Bord. Bis zu einem gewissen Grad kann man dies (in Ballungsräumen) über “WLAN-Ortung” kompensieren, Stand der Technik ist dies aber nicht.

 

Fazit

Wenn ein aktuelles 10-Zoll-Tablett mindestens 200 bis 300 Euro kostet (das überteuerte iPad sogar das doppelte), dann hat es einen Grund, warum dieses bei Ebay für 60 Euro zu bekommen ist — und dabei der Händler trotz kostenlosem Versand auch noch etwas verdient: Es ist eine nicht mehr ganz taufrische Hardware, bei der die Beschreibung “reichlich Leistung” m. E. geprahlt ist. Ein 1-GHz-Prozessor mit einem Kern ist inzwischen selbst für ein Smartfon schwach, dazu Android 2.3, wenn 4.3 die aktuelle Version ist. — Damit kann man leben, wenn man genau mit dem zufrieden ist, was man bekommt und sich über die Grenzen im klaren ist:

  • der Fotofreund hat einen “digitaler Bilderrahmen”, um einige Bilder vorzeigen zu können
  • Surfen und E-Mail wird gehen
  • MP3 wird gehen — aber ist es nicht eine Nummer zu groß dafür?
  • trotz der Beschreibung bin ich schon bei Videos allerdings skeptisch, insbesondere hinsichtlich “Full HD”
  • E-Book lesen? Gibt’s da was im AppsLib Portal? Man weiß es nicht…

Die m. E. größte Einschränkung ist in diesem Fall aber das sog. “AppsLib Portal”, was m. W. nicht mit Google Play (ehemals Google Market) zu verwechseln ist. So hat man nicht auf “alle Apps” Zugriff, sondern nur auf eine von wem auf immer getroffene Auswahl, die der Natur nach den aktuellsten Trends hinterher läuft. Einen Moment überlege ich noch, ob es wenigstens dazu geeignet ist, mit meinen Eltern in Kontakt zu bleiben, ähnlich dem Telefon, nur in modern (… würde ich es einem Freund empfehlen..?). Ich würde es auch nicht für noch weniger Geld kaufen… Ich habe meine Zweifel, ob liebgewonnene Tools wie Skype oder Hangout für dieses Tablett überhaupt zur Verfügung stehen und flüssig laufen… [Hat es jemand ausprobiert?] Ich werde stattdessen ein etwas handlicheres Tablett aus meinem 8-Zoll-Vergleich auswählen, denn mit meinem Acer A1-810 bin ich ich bis dato sehr zufrieden. Wenn’s nur als “second screen” im Wohnzimmer liegen soll, kommt auch Intenso Tab 824 oder Odys Titan für rund 100 Euro in Frage (jeweils mit Dual Core, IPS-Display, 8 GB Speicher und aktuellem OS). — Niemand hat etwas zu verschenken, deshalb nachdenken und nachrechnen, bevor man hektisch losklickt…

[Update]

Anfang November gibt es bei “Real” ein 7-Zoll-Tablett “iOnik TP7-1000 DC light” für knapp 70 Euro (Quelle: Flyer “real” KW 45/2013). Dies ist im Vergleich zum o. g. Archos nicht nur 10 Euro teuerer, sondern auch noch eine Nummer kleiner. Das zahlt sich allerdings aus: 512 MB Arbeitsspeicher und 4 GB “Festplatte” sind zwar keine Spitzenwerte, aber deutlich besser. Auch ist die Touchsteuerung kapazitiv, es gibt immerhin einen Dual-Core-Prozessor und Android ist mit 4.1.1 vergleichsweise aktuell. Da eine entsprechende Angabe fehlt, ist es vermutlich kein IPS-Display, wie ich es wegen der deutlich besseren Farben gegenüber einfachem TFT bevorzuge. Was das “praktische Zubehörset” genau beinhaltet, wird leider nicht genannt. Auch Angaben zur potentiellen Akkulaufzeit oder Details zu Kameras gibt es leider nicht.

Sonderposten bei real: 7-Zoll-Tablett für 70 Euro (Quelle: Flyer real KW 45/2013)

Sonderposten bei “real”: 7-Zoll-Tablett für knapp 70 Euro
(Quelle: Flyer “real” KW 45/2013)

Doch ist es nun ein Schnäppchen? Im Gegensatz zu den 8-Zöllern ist der Markt bei 7 Zoll noch um einiges größer mit noch mehr Nischenanbietern und speziellen Kaufhaussondereditionen — wenn einem die Marke und genaue Ausstattung egal sind, wird man in diesem Preisbereich eine unüberschaubare Menge an Geräten finden. Soll es sowieso nur “second screen” auf dem Wohnzimmertisch sein, sind Akkulaufzeit, Gewicht und Zubehör relativ unwichtig. Bei Amazon kostet ein ähnliches Gerät ohne den Zusatz “DC light” um die 75 Euro und die Käufer vergeben akzeptable 4,2 von 5 Sternen (bei 16 Rezensionen). Das “Odys Loox Plus” liegt sogar in der selben Preisklasse (allerdings nur 3,5 Sterne, 70 Rezensionen).

[Update II]

Wer ganz mutig ist, schaut sich bei Ebay um, vorzugsweise mit der TLD com: Dort findet man Angebote ab ca. 60 US-Dollar , was z. Zt. etwa 45 Euro entspricht. Doch Vorsicht, neben eingeschränkter Rückgabe und Garantie schlagen hier u. U. extreme Versandkosten — nach Deutschland — und vielleicht noch Zoll zu (Einfuhrumsatzsteuer, “Freimengen” sind deutlich geringer als fürs Handgepäck auf Reisen!).

Tablett-PCs gibt's theoretisch ab 45 Euro (Quelle: Ebay.COM)

Tablett-PCs gibt’s “theoretisch” ab 45 Euro
(Quelle: Ebay.COM)

Die Website Tablet Republic stellt im Beitrag “The Cheapest Tablet with 3G Phone and Internet” sogar ein Tablett mit 3G vor — für ca. 80 US-Dollar (z. Zt. etwa 60 Euro). Wer sich über neueste Trends in Sachen mobile computing informieren möchte, schaut sich Mobile Geeks von Sascha Pallenberg an. Der lebt seit einiger Zeit in Taiwan berichtet regelmäßig über aktuelle Geräte, Trends und Gadgets.

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