Micro Four Thirds vs. Spiegelreflex — Praxistest in 4 Teilen.

Auf der Suche nach der eierlegenden Wollmilchsau könnte das Motto dieses Artikels lauten. Denn für gute Fotos tue ich viel, schleppe gern meine schwere Fototasche mit der Spiegelreflexausrüstung um die Welt.

Panasonic Lumix GM1

Panasonic Lumix GM1

Doch nicht immer darf die große Tasche mit und seit ein paar Monaten gibt es weiteren Bedarf: Das bewegte Bild in Full HD für die ersten Schritte von Junior oder für Workshop-Videos. Leider ist es gar nicht so einfach, alle Ansprüche unter einen (bezahlbaren) Hut zu bekommen.

Dies ist die Zusammenfassung meiner Artikelserie bei 7oom.net:

  1. Auf der Suche nach der eierlegenden Wollmilchsau: Recherche bei den kleinen Alleskönnern.
  2. Spiegellos unterwegs in der Praxis — wie schlägt sich die GM1 im Alltag.
  3. Gibt’s nicht noch was flacheres? Handliches Objektiv zur handlichen Kamera.
  4. Fremdgehen mit Micro Four Thirds: fremde Objektive an MFT nutzen.


Vorgeschichte

Inzwischen gibt es eine Menge spiegelloser Systemkameras, deren Einstiegs- oder Kompaktmodelle in der Größe kaum von einer Schnappschußkamera zu unterscheiden sind, im Innenleben aber eher mit Spiegelreflex konkurrieren (wollen). Und überall geistert das Schlagwort “Four Thirds” herum, das große Vielfalt verspricht, weil Komponenten über Marken hinweg kompatibel sein sollen. Doch bei näherer Betrachtung bleibt davon nicht viel übrig: Sony NEX ist nicht Four Thirds. Auch Samsung NX nicht — und zieht sich nach den Ultrabooks auch bei den Kameras aus dem deutschen Markt zurück. Auch Nikon “1” kocht ein eigenes Süppchen, ebenso wie Canon M und Fuji X . Und Leica M liegt sowieso weit außerhalb meiner finanziellen Möglichkeiten. Zum Schluß mußt du noch zwischen Four Thirds (FT) und micro Four Thirds (MFT) unterscheiden. Habe ich einen Hersteller vergessen? Die große herstellerübergreifende Alternative zum Spiegelreflexsystem scheint es also nicht zu geben.

Olympus oder Lumix?

Ich mache mich auf den Weg in die “Fachmärkte”, um mir Olympus und Lumix aus der Nähe anzusehen. Olympus E-PL wird ja im Internet in rauen Mengen zwischen 150 Euro gebraucht und 480 Euro als Set mit zwei Objektiven angeboten (refurbished sogar für um die 250 Euro). Lumix sieht man seltener und ist deutlich teurer. In den Geschäften ist es bei meiner Stichprobe dagegen umgekehrt: Keine “Oly” live zu sehen, dafür viel Panasonic. Bei beiden ist es schwer den Überblick zu bekommen, zumal eine höhere Nummer nicht unbedingt eine “bessere” Ausstattung bedeutet. Da gibt es eine große Auswahl und — weil sie eigentlich der Spiegelreflexkamera Konkurrenz machen wollen — auch viele dicke Brocken. Panasonic hat die Lücke erkannt und bietet mit den GF-Modellen recht kleine und preiswerte Modelle an. Wirklich taschentauglich ist erst die Lumix DMC-GM1, wo das Standardobjektiv fast das Gehäuse überragt. Es gibt mit der GM5 noch einen Bruder: Er bietet einen (Okular-) Sucher und einen Blitzschuh.

Kompakte Taschenkamera Sony WX220 vs. ausgewachsene Systemkamera Lumix GM1.

Kompakte Taschenkamera Sony WX220 vs. ausgewachsener Systemkamera Lumix GM1 (mit Body-Cap-Objektiv).

Lumix GM1: Kaum zu glauben, daß dies eine Systemkamera mit wechselbaren Objektiven ist. Das Gehäuse ist zierlich (etwa 55 mm hoch und 31 mm dick, 204 g) und macht mancher Schnappschußkamera Konkurrenz. Das Objektiv kann man in der Hand verstecken. Allerdings wirkt es beim direkten Blick von vorn durch den breiten Rand etwas bollerig. Mitgeliefert wird noch ein bißchen Papier (aka Anleitung, allerdings nicht in meiner Sprache…), ein paar CDs mit Software sowie ein spezielles USB-Kabel (durch Mehrfachfunktionen wohl leider kein Standard…).

Eine genauere Betrachtung gilt natürlich dem winzigen Objektiv. Panasonic verwendet bei MFT meist zwei Kit-Objektive: das 14 – 42 mm (f 3,5 – 5,6 AF mit Motorzoom, ca. 320 Euro) sowie das “manuelle” 12 – 32 mm (f 3,5 – 5,6) — so auch an der GM1 . Was man auf den Katalogbildern nicht sieht: Die kurze Position des Objektivs ist nicht die Weitwinkel-Einstellung, sondern eine spezielle Parkposition . Nach dem Einschalten mußt es immer erst ein Stück ausgefahren werden und dann ist die Kamera insgesamt leider nicht mehr so schlank.

Im Vergleich mit einem Zoom für eine Spiegelreflexkamera sieht es natürlich ganz anders aus (und das ist mit APS C sogar noch ein bißchen kleiner als entsprechende Vollformate). Die Lichtstärke ist übrigens bei beiden Zooms gleich schwach: 3,5 – 5,6 fürs MFT von Panasonic, 4,5 – 5,6 fürs Canon EF-S. Ärgerlich, daß auf fast allen Fotos — auch in Shops — das Panasonic-Zoom nur in der Parkposition gezeigt wird.

Pancake für noch mehr flach

Das macht das Handlichkeitsargument fast zunichte… Das konnte man schon vorher absehen, weshalb ich von Anfang an auf ein echtes “Pancake” schiele — gern mit fester Brennweite im leichten Weitwinkelbereich und als “Zugabe” mit hoher Lichtstärke. Doch da gibt es ein Problem: Anscheinend wird die GM1 nicht separat als preisgünstiges Gehäuse angeboten. Bei Amazon ist der Gehäusepreis praktisch identisch mit dem Setpreis inkl. Standardobjektiv. Lediglich im Gebrauchtmarkt taucht B-Ware für etwa 250 Euro, aber unklaren Garantiebedingungen auf. Also bleibt es erstmal bei Set…

Vergleich: MFT und APS C.

Vergleich: MFT und APS C.

Jetzt heißt es auf das Zweitobjektiv sparen, schließlich ist es ja eine Systemkamera. Dabei lohnt es sich, auch einen Blick zur Konkurrenz zu werfen. Von Panasonic kommen zwei Objektive in Frage, interessant ist auch ein Kandidat von Olympus:

  • Panasonic 20 mm / F 1,7 LUMIX G II, ca. 290 Euro — mit 40 mm KB-Äquivalent fast schon ein “Normalobjektiv”, dafür aber mit sehr guter Lichtstärke.
  • Olympus M.Zuiko Digital 17 mm 1:2.8, ca. 230 Euro — also etwa 34 mm. Preislich ist das natürlich ein Argument, Brennweite paßt, die Lichtstärke ist in Ordnung (gegenüber dem Zoom).
  • Lumix G F2,5 / 14 mm, ca. 330 Euro: Mit umgerechnet 28 mm recht weitwinkelig und mit noch ordentlicher Lichtstärke. In dieser kleinen Übersicht allerdings auch das teuerste Objektiv.

Es ist ja nicht nur ärgerlich, daß das Zoom im Betrieb deutlich ausfährt. Das eigentliche Problem ist, daß du es vor der Benutzung manuell in diese Betriebsposition bringen mußt. Damit kann man die Kamera nicht “mal eben” aus der Tasche ziehen und loslegen oder du mußt es ausgefahren bereit halten…

RAW muß sein

RAW (rw2) wird zur Verfügung gestellt, mehr mußt du eigentlich nicht wissen. Überraschenderweise liefert Panasonic dazu keine eigenen Software mit, sondern “Silkypix Developer Studio”. Das ist ungewöhnlich, weil meist nur die spezielle herstellereigene Software das letzte Quentchen aus den Daten herauskitzeln kann. Aber ich möchte sowieso mit Lightroom arbeiten, was kein Problem ist.

Apropos: Gerade bei MFT fehlen in Lightroom scheinbar Kamera-/Objektiv-Profile — weil die Korrekturdaten bereits in den RAWs eingebettet sind.

Nachteil von RAWs ist nicht selten, daß im Dateimanager des Betriebssystem nur Symbolbilder und keine Vorschaubilder angezeigt werden. Der zusätzliche Codec von Panasonic dafür, läßt sich auf Windows 7 / 64 Bit nicht installieren (scheint nur für 32 Bit(!) geeignet zu sein, LR 6 übrigens nur ab 64 Bit). Lediglich das Paket “FastPictureViewer Codec Pack” schafft es, kostet aber ca. 15 USD (kann 14 Tage kostenlos getestet werden).

Fazit Lumix GM1 bzw. MFT generell

Es ist beeindruckend, wie klein das Gehäuse ausfällt, obwohl es nahezu die Möglichkeiten einer Spiegelreflexkamera bietet: wechselbare Objektive, komplett manuelle Steuerung von Zeit und Blende. In Sachen Kompaktheit enttäuschen dagegen die Objektive: Sie sind zwar im Vergleich zur Spiegelreflexkonkurrenz klein, aber im Verhältnis zum MFT-Gehäuse so groß, daß sie nicht mehr jackentaschenfreundlich sind.

Umgekehrt ist das Gehäuse handlich, aber die Bedienelemente lassen sich sich deshalb kaum blind betätigen. Der Touchscreen mag modern sein, führt bei mir aber immer wieder zu unbeabsichtigten Aktionen. Größter Schwachpunkt ist aber der fehlende Blick durch einen echten Sucher, der sich m. E. auch durch ein noch so gutes elektronisches Pendant ersetzen läßt. Der Sucher ist bei MFT eher eine Zieleinrichtung. Dabei läßt sich gerade im Nahbereich (und besonders mit Elementen im Vordergrund) der Schärfepunkt zu wünschen übrig, die automatische Erkennung ist nicht immer zielsicher. Generell ist der AF bei spiegellosen Systemen außerdem relativ langsam und versagt bei schwierigen Situationen. Sicherlich läßt sich das via Stativ und Steuerung per WLAN-App kompensieren, aber bei meiner Spiegelreflex kommt das praktisch gar nicht vor. — So gesehen “eigentlich” ein Verriß (besonders, wenn ich an den Anspruch denke, Spiegelreflex als “altmodisch” abschaffen zu wollen).

Lumix GM1 mit Industar 50 mm Vollformat.

Lumix GM1 mit Industar 50 mm Vollformat.

Aber: Ich habe sie mir ja als “Schnappschußkamera” und zum Filmen angeschafft. Für diesen Einsatzbereich ist sie gut und begeistert. Die Videoqualität ist in Ordnung, wenn auch der Ton wie bei allen Kompakten ohne externes Mikrofon windempfindlich ist. Die Fotoqualität ist prima, da zahlt sich der große MFT-Sensor aus. Überraschend hilfreich ist die intelligente Automatik iA+, die gute Einstellungen errechnet. Das Kit-Objektiv liefert eine gute Qualität, entspricht aber leider nicht meinem Brennweitenbereich. Ich neige eher zu einer lichtstarken Festbrennweite 20 mm / f1,7 (40 mm KB) sowie als Ergänzung ein Tele wie Lumix 35-100 mm (f4-5,6) (70-200 mm KB). Als Zweitkamera und Ergänzung zur SLR für Familienschappschüsse, Reisen ohne schweres Gepäck oder Streetphoto ist die Kamera klasse.

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