Meßsucherkamera: Historischer Nachbau als Alternative (Teil III)

Nachdem sich die Voigtländer Bessa nach ausgiebiger Recherche mit Preisen zwischen 500 und 1.000 Euro fast schon zum Luxusobjekt entwickelt, muß ich umdenken. Vielleicht gibt’s doch eine bezahlbare Meßsucherkamera aus der guten alten Zeit…

Zorki 4 von 1972 für 30 Dollar (Quelle: Ebay, Juni 2014)

Zorki 4 von 1972 für 30 Dollar
(Quelle: Ebay, Juni 2014)

Bei der parallelen Recherche zu meinem Industar 50 stoße ich auf die M39-Variante und damit auf das Stichwort Zorki. Auch dies ist eine hemmungslose LeicaZeissContax-Kopie, die z. T. sogar auf deutsche Reparationen zurückgeht und bei den Urmodellen tatsächlich aus deutschen Einzelteilen bestehen kann (Kennzeichnung bei Objektiven SK od. BK ). Die Kameras haben 40 und mehr Jahre auf dem Buckel, dafür geht es bei 30 Dollar los.

Höherwertige digitale Kompakt- oder System-Kameras ahmen inzwischen oft das Design einer Meßsucherkamera nach, manche bieten zum Teil auch ähnliche Funktionen. Mit der Voigtländer Bessa kommt 1999 in dieser Tradition via Cosina sogar wieder eine analoge Kamera neu auf den Markt, die kontinuierlich weiterentwickelt wird. Die Bessa L gibt es zwar für 100 Euro, ist aber leider nur ein besseres Filmgehäuse. Die moderne Bessa R4A kostet dagegen laut Liste rund 950 Euro (ohne Objektiv).

Was ist bezahlbar?

Dann noch einen Schritt zurück in die Zeit als Meßsucherkameras Stand der Technik sind. Mitte des 20. Jahrhunderts ist deutsche Technik führend, bekannt sind Leica, Rollei, Voigtländer, Zeiss … Solche Kameras haben durchaus bis heute überlebt — sind aber ebenfalls kaum preisgünstig zu bekommen. Zum Glück orientieren sich Japaner und Russen damals an deutschen Vorbildern und produzieren fleißig kompatible Modelle oder dreiste Kopien. “Natürlich” sind die Namen nicht so wohlklingend (und im Westen sowieso fast unbekannt, da meist “umgelabelt” als Revue etc.).

Der weltweite Hype um Digitalkameras läßt außerdem manchen im Osten den Schrank “entrümpeln”, so daß viele Kameras sehr preisgünstig angeboten werden (vorzugsweise auf Ebay.com). Sprich: Billig heißt nicht automatisch schlecht, sondern z. Zt. eher Überangebot. Die Aspekte eines Gebrauchtkaufs möchte ich an dieser Stelle nicht weiter erörtern. Viele Fotos und gute Bewertungen sind sicherlich ein Anhaltspunkt, lediglich die hohen Versandkosten von 20 oder 30 Dollar schrecken ein wenig ab. — Theoretisch gibt es auch ähnliche frühe Modelle von Canon oder Nikon und Minolta, sind aber selten und haben z. T. andere Objektivanschlüsse (Canon hat sogar das M39-Schraubgewinde versemmelt — 1 mm statt 0,977 mm).

Das richtige Modell auswählen

Natürlich muß man sich auch bei der neuen Strategie kundig machen, welche Modelle in Frage kommen. Auch wenn man mit einer Meßsucherkamera zurück zu den Wurzeln möchte, heißt das nicht gleich primitiv. Wenn man erstmal weiß, wonach man suchen muß, gibt es eine Menge interessanter Quellen.

  • Selecting an FSU camera: Beginner’s Guide (engl.) — ein Grundlagenartikel zu den bekanntesten russischen Leica-Nachbauten bzw. -Nachahmungen wie Zorki, FED oder Kiev. Auf Besonderheiten, Gemeinsamkeiten und Unterschiede wird in grundlegenden Aspekten eingegangen.
  • Soviet Cams (engl.) — sehr detaillierte Aufschlüsselung vieler russischer Kameramodelle, sogar mit zahlreichen Untermodellen.
  • Die Zorki-Kameras (dt.) — Übersicht zum Thema Zorki von einem Fan mit umfangreichen Fachwissen. Lesenswerter Einstiegsartikel (auf den Autor und Sammler G. Studer wird man bei diesem Thema sicher öfter treffen).
  • Hamburg und mehr… (dt.) — zum Beispiel Erfahrungsberichte zu diversen alten Kameras, wie einigen Meßsuchermodellen von Leica, Lomo, Kiev oder Zorki.
  • Zorki 4 (dt.) — ausführlicher Text von Aleksander Zgraja speziell zur Zorki 4.
  • Bedienungsanleitung zur Zorki 4 (dt.) — wie der Name schon sagt, die Bedienungsanleitung zur Zorki 4 auf Deutsch, abgetippt und mit Abbildungen.
  • M39/LTM-Objektive für die Zorki-Kameras (dt.) — ein bißchen was zu preisgünstigen Objektiven mit M39-Anschluß.

Tipp: Vieler dieser grundlegenden Artikel sind sehr ausführlich geschrieben und umfassen oft sehr viele Bildschirmseiten. Als Kindle-Fan nutze ich eine leider wenig bekannte Funktion und lasse mir solche Webseiten lesefreundlich auf meinen E-Reader schicken, beispielsweise mit SENDtoREADER. Dieser Dienst bietet ein Bookmarklet, so daß Text und Abbildungen mit einem Klick rübergebeamt werden. Die Texte kann ich dann entspannt auf der Terrasse usw. lesen, Stellen markieren oder Notizen dazu machen.

Pflicht ist ein Meßsucher (Entfernungseinstellung, rangefinder) in Kombination mit einem Sucher (Bildausschnitt, viewfinder). Viele dieser Kameras haben Wechselobjektive, meist mit Leica M39-Schraubanschluß (aber i. d. R. keinen Leuchtrahmensucher, so daß man ggf. einen Aufstecksucher braucht oder “Zielwasser”). Dank M39 kann man die Objektive später auch an “besseren” Modellen verwenden, mit Adapter sogar am Bajonett. Eingebaute Belichtungsmesser sind eher selten und wären nach so langer Zeit sowieso meist unbrauchbar (Selen-Zelle). Eine tabellarische Übersicht von der Zorki 1 bis zur 12 gibt’s im Camera-Wiki.

Mal sehen, ob sich das neu erworbene Wissen praktisch umsetzen läßt. Zu Anfang war ja ein Hunderter eingeplant…

Comments

comments

Leave a Reply

Your email address will not be published.