Meßsucherkamera: Voigtländer Bessa L als Schnäppchen? (Teil I)

In meiner Kindheit haben Telefone eine Wählscheibe und man kann mit ihnen nicht fotografieren. In Fotoapparate werden Filme eingelegt, die nach dem letzten Klick erst entwickelt werden müssen. Der Hersteller spielt eine untergeordnete Rolle, man kann Dank M42-Schraubanschluß ein Nikon-Objektiv durchaus an eine Praktika setzen oder mit Opas 30 Jahre alten Exakta — aus Dresden — erste fotografische Erfahrungen auch in Sachen Spiegelreflex machen — der Kleinbildfilm paßt. Meine erste Meßsucherkamera... Beim Fotografieren schert sich niemand darum, wie schnell die Kamera schußbereit sein kann, wieviele Bilder pro Sekunde belichtet werden oder ob das Bokeh des Objektivs rund ist, selbst eine Batterie ist optional.

Meine erste Meßsucherkamera…

Und spätestens nach 36 Fotos ist eine Zwangspause zum Filmwechsel angesagt. Apropos: Das Ergebnis holt man nach einer Woche im Fotogeschäft ab, selbst mit eigenem Labor dauert es wenigstens ein paar Stunden. Alles total entschleunigt… “Damals” findet man das alles lästig — doch inzwischen erlebt diese Art der Fotografie eine Renaissance. Selbst Leute, die nicht mit Wählscheiben und Entwicklerdose aufwachsen, können sich für diese “Umständlichkeit” begeistern. — Und ich auch (wieder)…


Es lebe die Meßsucherkamera

Neben meiner noch vorhandenen alten Ausrüstung im Vollformat (Kleinbild , 24 x 36 mm) und einer zweiäugigen Mittelformatkamera (6 x 6 cm) kann ich mich für schlanke, leise und unauffällige Meßsucherkameras begeistern, wie sie vor allem durch Leica bekannt geworden sind.

Fuji ist mit seiner X-Modellreihe im Meßsucherkamera-Look sehr erfolgreich — doch unter dem Strich ist es eben doch wieder “nur” eine Digitalkamera mit allen modernen Annehmlichkeiten. Da freut es mich, als ich beim Rumsurfen im Internet zufällig auf die Voigtländer Bessa L stoße: Sieht wie eine alte Meßsucherkamera aus, orientiert sich schamlos an Leica M — und kostet gebraucht um die 120 Euro (ohne Objektiv). Da könnte wahr werden, was ich mir “damals” nicht leisten kann. Na ja, ein Objektiv brauche ich noch. Da kann im reichlichen Fundus an M39-Objektiven stöbern oder etwas mit Adapter nutzen.

Die Voigtländer Bessa L gibt's fast neu schon ab 100 Euro. (Quelle: Ebay, Juli 2014)

Die Voigtländer Bessa L gibt’s fast neu schon ab 100 Euro.
(Quelle: Ebay, Juli 2014)

Die Voigtländer Bessa L hat “natürlich” nichts mehr mit der Traditionsmarke aus Deutschland zu tun. Dahinter steckt ein findiger Investor von Cosina, der allerdings look & feel der alten Marke geschickt nutzt.

Voigtländer Bessa L als Einsteiger

Also mache ich mich auf die Suche. Wenn man im Gebrauchtmarkt recherchiert, findet man gelegentlich den Hinweis, daß das Kameragehäuse ohne Sucher angeboten wird — ohne Sucher? Hä? Solch ein Hinweis stößt einen mit der Nase darauf, was eigentlich offensichtlich ist: Die Bessa L ist überhaupt keine Meßsucherkamera, das Gehäuse hat weder Meßsucher, noch (Motiv-) Sucher. Eigentlich hat es nur einen Objektivanschluß, kann einen Kleinbildfilm aufnehmen — und fast schon als Luxus — eine eingebaute Belichtungsmessung.

Tja, die Bessa L wird nicht ohne Grund meist in Kombination mit einem Weitwinkelobjektiv verkauft. Einem Superweitwinkel mit 12 mm, 15 mm, 21 mm oder 25 mm und 28 mm, wohlgemerkt auf Vollformat. Als Zielhilfe gibt es einen Aufstecksucher, wie man ihn vielleicht von historischen Vorbildern her kennt. Objektiv und zur Brennweite passender Sucher werden deshalb in der Regel zusammen verkauft.

Bei solch einem starken Weitwinkel ist Scharfeinstellung fast schon Nebensache. Da es keinen Meßsucher gibt, kann allein die Schärfeskala auf dem Objektiv einen Anhaltspunkt geben (da erscheint AF bei modernen Objektiven besonders lächerlich). Selbst in der Anleitung kommt das Thema Scharfeinstellung nur am Rande vor:

Mit dieser Kamera wird ein Anleitung empfiehlt Nutzung der Tiefenschärfe (Quelle: a. a. O.)Superweitwinkelobjektiv geliefert, das eine größere Tiefenschärfe ermöglicht. Den Entfernungseinstellring des Objektives drehen, bis dieser mit der ungefähren Entfernung zum Objekt auf dem Entfernungsindex übereinstimmt.

Anleitung empfiehlt Nutzung der Tiefenschärfe (Quelle: a. a. O.)

Als kleine Hilfe gibt es noch eine kleine Abhandlung zum Thema Tiefenschärfe. (Quelle: Bedienungsanleitung Bessa L, Seite 12 u. 13, via Cameramanuals ).

Belichtungsmessung über Lichtwaage, aufsteckbarer Sucher — damit kann ich leben. Doch wenn ich etwas anderes als ein Superweitwinkel nutzen möchte, komme ich in Schwierigkeiten: Blind den Ausschnitt zu bestimmen bekomme ich gut mit meiner Sony QX-10 hin, aber mit dem von mir gewünschten 35- oder 50-mm-Objektiv rein nach Skala scharfzustellen ist m. E. nicht möglich.

Zwischenfazit: Aus der Traum vom preiswerten Einstieg in die Meßsucherkamera, denn die Bessa L ist keine Meßsucherkamera! Das erklärt auch den günstigen Preis — für das Gehäuse. Dazu kommt natürlich noch das Objektiv. Auch dort kann man nicht ganz so günstig einsteigen, wie anfangs gedacht. Die Suche geht also weiter…

Comments

comments

Leave a Reply

Your email address will not be published.