Mega-Wahnsinn: Megazoom ist das neue Megapixel [Kommentar]

Digitalfotografie Bis vor ein paar Jahren basiert die Marketingstrategie der Kamerahersteller noch noch auf dem Herausstellen der Megapixel. Richtig, Anfang des neuen Jahrtausends beginnen einfache Kameras mit 0,3 Megapixel und selbst (bezahlbare) Spitzenmodelle liegen bei nur 3, 4 oder 6 Millionen Pixeln. Wenn davon ein Papierabzug gemacht werden soll, wird immer erst die Auflösung in Abhängigkeit der gewünschten Größe überprüft und mit einer Ampel signalisiert — was heute fast gar nicht mehr gemacht wird, obwohl für Smartphone-Bilder durchaus sinnvoll. Bei guten Kompaktkameras und digitalen Spiegelreflex ist man mit 10 bis 20 Megapixel gut bedient (obwohl schrittweise jede Generation wieder zulegt).

Doch die Marketingfuzzis haben inzwischen neue Mega-Features entdeckt…

Mega schnell

Dann gibt es ein Zwischenspiel von “Megaspeed” — nie so genannt, aber indirekt so vermarktet: Erst die Einschaltgeschwindigkeit, dann die Bereitschaft vor/nach einem Foto. Sinnvoll, wenn zu Anfang des digitalen Zeitalters beim Einschalten erst ein Begrüßungsbildschirm erscheint, das Fokussieren 3 Sekunden dauert und die Bereitschaft für die nächste Aufnahme ebenfalls mehrere Sekunden in Anspruch nimmt. Doch gerade bei digitalen Spiegelreflexkameras wird zunehmend auch mit schnellen Bildfolgen geworben — “falls man mal Sportaufnahmen machen will”. Ganz vorn dabei natürlich die Bridgekameras wie beispielsweise die Casio Exilim EX-F1 mit bis zu 1.200 Bilder pro Sekunde (allerdings nur im Miniformat von 336 x 96 Pixel). — Gute Bilder macht man m. E. nicht nach dem Gießkannenprinzip mit 9 Bilder/s, indem man bei drei Dutzend hofft, daß eines schon was geworden ist. Besser die Szene beobachten und im richtigen Moment auslösen und ggf. ein “Nachschuß”.

Mega hell

Ein kleines Zwischenspiel im Mega-Wahnsinn bietet Mega-ISO. Hier halten sich ausnahmsweise die Schnappschußkandidaten etwas zurück, weil sie winzigen Aufnahmechips sowieso fast nur für Schönwetter zu gebrauchen sind. Aber bei Spiegelreflexkameras wird inzwischen mit Werten bis ISO 51.200 (58 DIN) geworben. Doch in Situationen, wo man solche Werte rechnerisch brauchen könnte, bewegt man sich eher im Bereich “erkennbar”.

Mega Zoom

Der neueste Trend ist Megazoom. Bei Video-Kameras gibt es den schon vor mehr als zehn Jahren, jetzt auch bei Fotoapparaten. Bei den Spiegelreflexmodellen mit APS C geht es noch moderat zu: Spitzenreiter ist z. Zt. das Tamron 18 – 270 mm, was 15fach entspricht (entspricht 28 mm bis 419 mm bezogen auf Vollformat; längste Brennweite durch kürzeste errechnet den sog. Zoom-Faktor). Doch bei Kompakt- und insbesondere Bridge-Kameras ist die Schlacht in vollem Gange. Die gerade bei Nikon angekündigte “Superzoom”-Kamera mit 42fach-Zoom übertrifft nur knapp die bereits im Spätsommer 2012 präsentiert Olympus mit 40fach-Zoom sowie Hochgeschwindigkeitsfotos mit bis zu 240 Bilder/Sekunde. Doch schon kurze Zeit später legt Canon mit der Powershot SX50 HS die Meßlatte auf 50fach optisch (24 – 1.200 mm äquivalent Kleinbild) und legt sicherheitshalber einen digitalen 100fach-Zoom nach. Wer ein wenig Erfahrung hat, weiß: Schon bei 200 oder 300 mm ist es schwierig, die Kamera überhaupt auszurichten, geschweige denn verwacklungsfrei zu halten — da wird dann auch ein Bildstabilisator maßlos überschätzt. Und wer eine zierliche Bridgekamera kauft, schleppt ungern ein zehnmal so schweres Stativ mit, das eine Brennweite von 2.400 mm digital handhabbar machen könnte (zumal ein Digitalzoom praktisch unbrauchbar ist). — Selten rentiert sich ein optischer Zoom-Bereich, der über ein 3- oder 5fach hinaus geht.

So wird heute eine Bridgekamera beworben (Quelle: Canon a. a. O.)

So wird heute eine Bridgekamera beworben
(Quelle: Canon a. a. O.)

Wenn man sich die Featureliste einer aktuellen Schnappschußkamera ansieht, werden alle Anforderungen übererfüllt und mit einhergehenden Nachteilen sogar ins Gegenteil verkehrt (hier Canon Powershot SX50 HS). Zeige mir lieber Fotos, die durch das Motiv bestechen.

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