Lightroom 6: HDR ohne entscheidenden Lichtblick.

Die HDR-Funktion — oft synonym auch DRI genannt (wenn Experten auch darüber streiten) — gehört zu den großen Neuheiten von Lightroom 6. Dabei nimmt Adobe Funktionen auf, die bisher speziellen Plugins oder externen Programmen vorbehalten waren.

HDR vom Hannöverschen Rathaus.

HDR vom Hannöverschen Rathaus.

Diese Aufnahmetechnik stammt aus dem Bereich der Nachtfotografie, wo man regelmäßig mit extremen Helligkeitsunterschieden zu kämpfen hat: Unbeleuchtete Bereiche erscheinen schwarz, beleuchtete Bereiche nahezu weiß, so daß es unmöglich ist, mit einer einzigen Aufnahme beide Bereiche erkennbar abzulichten. Die Idee von HDR besteht darin, einmal ein Foto für die dunklen Stellen im Bild zu machen sowie ein weiteres für die hellen Bildteile und diese beiden Aufnahmen anschließend zu verschmelzen.


Vorbereiten von HDR

Es ist schon seltsam, daß man Fotografen oft regelrecht überreden muß, doch bitteschön in RAW zu fotografieren. Praktisch jeder moderne Bildchip zeichnet die Daten mit 42 Bit pro Bildpunkt auf. Diese Information von 242 wird allerdings in vollem Umfang nur in einer sogenannten RAW-Datei auch gespeichert! Wer nur das “praktische” JPG verwendet, reduziert schon beim Druck auf den Auslöser die Daten bereits in der Kamera auf einen Bruchteil — das Gegenteil von HDR. Du solltest schon vor Ort so sorgfältig wie möglich arbeiten als gäbe es kein Lightroom oder Photoshop! Wie bei vielen anderen Spezialgebieten der Fotografie gibt es dazu eine Menge Fachliteratur.

Belichtungsreihe ab 30 Sekunden mit jeweils Halbierung der Zeit.

Belichtungsreihe ab 30 Sekunden mit jeweils Halbierung der Zeit.

Mein Motiv ist eine klassische Nachtaufnahme vom Hannöverschen Rathaus. Dort schwimmen beleuchtete Bojen, was potentielle Bewegungsunschärfe bedeutet, weil Wind und Strömung für leichte Bewegung sorgen. Ich beginne die Belichtungsreihe mit 30 Sekunden bei Blende 8 (ganz pragmatisch, weil dies die längste Zeit ist, die ich an der Kamera einstellen kann) und halbiere den Wert bis 0,25 s. Obwohl das Stativ leicht schief steht, wird jetzt noch nichts an den Bildern “korrigiert”.

Erzeugen eines HDR-Bildes

In Lightroom 6 aus einer Belichtungsreihe ein HDR zu machen ist sehr einfach: Bilder auswählen und dann über die Menüleiste “Foto | Zusammenfügen von Fotos | HDR…” oder einfach per Tastenkürzel [Strg] [H] das Zusammenfügen starten. Es müssen mindestens zwei, können aber auch “viele” sein. Wo das Maximum liegt weiß ich nicht, habe auch keine offizielle Angabe bei Adobe gefunden.Vorschau für die HDR-Verschmelzung mit Anzeige neuralgischer Punkte. Gerade in Hinblick auf Geistereffekte sollte man eher möglichst wenige Bilder verwenden.

Vorschau für die HDR-Verschmelzung mit Anzeige neuralgischer Punkte.

Je nach Anzahl der Einzelbilder und der Leistungsfähigkeit des Computers erscheint nach kurzer Zeit ein Vorschaufenster bei dem du dir einen ersten Eindruck vom HDR machen kannst. Automatisch Ausrichten soll kleine Verkantungen zwischen den einzelnen Fotos ausgleichen.Die Option Automatischer Tonwert nutze ich an dieser Stelle nicht, da sie im Prinzip auf das frisch erzeugte HDR einfach die Belichtungsautomatik der Grundeinstellungen anwendet.

Darunter findest du die Einstellungen zu “Stärke der Geistereffektbeseitigung“. Diese Einstellung spielt eine Rolle, wenn sich im Bild etwas bewegt, beispielsweise ein Fußgänger, Autos, Blätter, eine Rauchfahne oder Wolken. Als kleine Entscheidungshilfe dient die Option “Überlagerung für Geistereffektbeseitigung anzeigen”, die kritische Bereiche rot hervorhebt.

Das Ergebnis wird in einer neuen Datei abgelegt, nach dem ersten Bild der verwendeten Reihe benannt und “HDR” angehängt. Wenn du experimentierst — beispielsweise unterschiedliche Anzahl von Quellbildern oder Stärke der Geistereffektbeseitigung — solltest du dir Notizen machen. Das DNG kannst du anschließend hinsichtlich der Belichtungseinstellungen ohne Einschränkungen wie ein normales RAW bearbeiten.

In meinem Test ist das Ergebnis der HDR-Verschmelzung in Ordnung, fürs “perfekte” Resultet bearbeite ich es allerdings noch ein wenig. Im Ergebnis unterscheidet sich kaum von meinem Foto, daß ich vor einiger Zeit bereits auf Basis nur einer RAW-Datei ausgearbeitet habe.

Fazit

Das Ergebnis der HDR-Funktion ist bei meinen Aufnahmen weitgehend in Ordnung (auf Basis von RAW), Probleme wie beim Panorama — Anschlußfehler, weiße Blitzer — gibt es hier nicht. Ob man in einem Programm wie Lightroom eine HDR-Funktion braucht? Wer sowieso schon RAW fotografiert, macht ebenfalls eine Belichtungsreihe — und sucht sich dann einfach das Foto mit dem besten Mittelwert heraus. Bei dem Kontrastumfang moderner Systemkameras kann ich praktisch immer mit den normalen Funktionen ein gutes Bild herausarbeiten. Wenn ich nur ein Bild verwende, habe ich vor allem keine Probleme mit Geistereffekten, was bei fast allen HDRs mehr oder weniger stark in Erscheinung tritt. Dank Radial-Verlaufsfilter (zum Beispiel für die Turmuhr; seit LR 5) kann ich gezielt eingreifen, ebenso hilfreich ist der neue Korrekturpinsel mit dem ich aus dem Linear-Verlaufsfilter Bereiche rausnehmen kann (beispielsweise Turmspitzen; seit LR 6).

Bei JPG ist wegen der reduzierten Daten so eine HDR-Funktion prinzipiell eher angebracht, allerdings bekomme ich bei meinen Stichproben mit JPG zum Teil sehr merkwürdige Ergebnisse. Meiner Meinung nach kann man mit HDR den Datenverlust von JPG gegenüber “normalem” RAW nicht kompensieren. Dazu kommt, daß du auch hier nur minimal Einfluß auf die Parameter nehmen kannst. Für die einfacheren Lichtsituationen reicht ein RAW aus, für die komplizierteren Fälle gibt bei dieser HDR-Funktion leider nicht genügend Steuerungs- und Korrekturmöglichkeiten. — Wer frisch mit Lightroom 6 einsteigt, kann gern damit herumspielen, da es ja “dabei” ist. Für versierte LR-5-Nutzer ist dieses HDR m. E. kein Argument erneut ins Portemonnaie zu greifen und umzusteigen.

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