Familienfotografie — am falschen Ende gespart…

Gerade wirbt ein Newsletter wieder für ein kostenloses “E-Book” zur Fotografie. Das muß ich mir natürlich einmal näher ansehen: “Familienfotografie — Portraitfotografie für Jedermann”.

Schönes Foto -- ist aber nicht vom Autor, dafür die Tippfehler. (Quelle: a. a. O., S. 5)

Schönes Foto — ist aber nicht vom Autor, dafür aber die Tippfehler.
(Quelle: a. a. O., S. 5)

Aha, Familenfoto bedeutet also Portraitfotografie. Glaubt der Fotograf aber selber nicht, denn es ist fast ein Rundumschlag in Sachen Fotografie — wenn auch auf fast jedem Bild eine Person zu sehen ist (Bild Seite 19, ein einsamer Wanderer in der Wüste — Familie? Portrait?). Auf der Downloadseite werden folgende Themen beschrieben:

  • Wichtige Grundsätze der Portraitfotografie
  • Nützliche Tipps zur Familienfotografie
  • Praktische Hinweise für ein perfektes Familienportrait
  • Wissenswertes zum Thema Kinderfotografie
  • Hilfreiche Fotografie-Tipps für Familienfeste

… und das Inhaltsverzeichnis des eBooks (Seite 3) liest sich allerdings so:

  • Einleitung
  • Allgemeine Tipps zur Portraitfotografie
  • Familienfotografie
  • Familienfotografie für verschiedene Feste

An der Oberfläche…

“Natürlich” handelt es sich nicht um ein eBook, sondern um ein PDF. Der Unterschied? Ein PDF ist eine Druckvorlage, was man dem Layout auch deutlich anmerkt, wenn Bilder beispielsweise über den Bruch gehen (Foto auf Seite 6/7). Auf einem echten E-Book-Reader oder einem Tablett-PC sind solche “Bücher” schlecht lesbar — und werden dem Sinn widersprechend notgedrungen ausgedruckt. Auch sonst ist das Layout mit unterschiedlich breiten Spalten für den Haupttext nicht gerade lesefreundlich. Da spielen formale Fehler kaum noch eine Rolle, wie beispielsweise, daß eine Zeile mit einem Trennungsstrich beginnt (S. 12) oder Tippfehler wie “aus dMoment” (S. 5).

Unterschiedliche Spaltenbreite im Brottext -- warum? (Quelle: a. a. O., S. 4)

Unterschiedliche Spaltenbreite im Brottext — warum?
(Quelle: a. a. O., S. 4)

Auch sonst fällt das Buch eher durch eine Aneinanderreihung von Phrasen, hingeworfener Informationsbrocken und eine eher “einfache” Ausdrucksweise auf. Sicherlich nicht direkt falsch, aber ohne einen roten Faden und nicht gerade motivierend, weiterzulesen — ich gebe zu, ich habe es dann auch nicht mehr komplett gelesen…

Fotograf ohne Fotos

Und die Fotos? Wenn eine Person komplett von Kopf bis Fuß abgebildet in einem Raum steht, ist es keine Schwarz-Weiß-Portraitfotografie (Seite 12), die Bilder auf Seite 14 sind bestenfalls Schnappschüsse fürs private Album. Und überhaupt: Einerseits stellt sich der Autor Philipp Baer als engagierter Fotograf vor, dem “Herausforderungen, [die mir] Freude bereiten und meinen Beruf zur Kraftquelle machen” (Seite 36), andererseits ist die Liste der Bildnachweise fremder Aufnahmen erschütternd lang (Seite 37).

Seite Fotograf

Cover
Seite 2
Seite 5
Seite 6 — 9
Seite 10
Seite 11 — 21
Seite 22
Seite 23
Seite 24 — 27
Seite 28
Seite 30 — 31
Seite 32
Seite 33
Seite 34
Seite 35

Andreas Gradin / stocksy.com
Alison Winterroth / stocksy.com
Bruce & Rebecca Meissner / stocksy.com
Fotograf Philipp Baer
Guille Faingold / stocksy.com
Fotograf Philipp Baer
Irina Efremova / stocksy.com
Dina Giangregorio / stocksy.com
Fotograf Philipp Baer
Dominique Felicity Chapman / Quelle
Fotograf Philipp Baer
Soren Egeberg / stocksy.com
Meaghan Curry / stocksy.com
Dejan Ristovski / stocksy.com
Trinette Reed / stocksy.com

Bildnachweise: Ich lasse fotografieren… (Seite 37)

Ich finde es nicht nur peinlich, wenn man als Fotograf ein Fotobuch herausgibt und dann so viele Bilder von anderen sind (und es sich dabei eben nicht um Superspezialaufnahmen handelt). Das wundert um so mehr, als daß ich viele der Bilder nicht so passend finde — das hätte man beim Zukaufen doch perfekt managen können. Befremdlich auch, daß es massiv auf sog. Stockfotos zurückgreift, die mit Dumpingpreisen m. E. den Markt für Berufsfotografen kaputt machen. Da sägt er meines Erachtens am eigenen Ast…

Fazit

Ich habe mir das Buch angesehen, weil ich es durchaus für sinnvoll halte, statt eines Buches für “alles” lieber themenbezogene Bücher zu lesen. Mancher gute Autor verbreitet dann kostenlos ein Kapitel eines größeren Fotobuches — quasi eine Leseprobe.

Warum liefert ein Fotograf so etwas ab? Wenn es schlecht bezahlt ist, lehne ich den Auftrag ab. Oder ich sehe es als Selbstmarketing und liefere ein Manuskript — und speziell Fotos — als wenn es um eine Million ginge. Der Text ist holprig und bei mehr Fremdbildern als eigenen Werken auch kein Aushängeschild für den Fotografen. Das heißt nicht, daß Baer ein schlechter Fotograf ist. Aber ein Fachgebiet zu beherrschen heißt nicht zwangsläufig, daß man auch ein Buch schreiben kann.

Warum machen die Firmen so etwas? Scheiß egal, wenn es kostenlos ist, darf es nicht kritisiert werden? Der Leser kann sich was rausfischen? Insgesamt macht das “Buch” nicht den Eindruck, als hätte man viel Zeit oder gar Herzblut investiert.

Andere kostenlose eBooks:

Meine einzige Empfehlung ist “Unterwasserfotografie” und auch “Modefotografie” ist noch in Ordnung. Bei den anderen kann man sich “inspirieren” lassen. — Geht mal zum LumixFestival in Hannover (15. bis 19.6.2016).

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