Das E-Book gewinnt Freunde

Technisch gesehen ist das E-Book ein alter Hut, ist aber im Verhältnis dazu im Markt immer noch nicht wirklich etabliert. Das scheint sich nun langsam zu ändern. Weniger, weil die traditionellen Verlage endlich das Potential erkannt haben, sondern weil andere die neuen Möglichkeiten ohne Druck nutzen und dabei zunehmend erfolgreich sind.

Bitkom: E-Reader setzen sich durch (Quelle: Bitkom, GfK)

Bitkom: E-Reader setzen sich durch
(Quelle: Bitkom, GfK)

So nehmen viele Leute das Stichwort “Kindle” hauptsächlich als Hardware wahr, aber es ist Teil eines durchdachten Gesamtkonzeptes von Amazon, wo Bücher, Autoren und Gerät zusammen vermarktet werden. Das “Kindle Direct Publishing“-Konzept ermöglicht es talentierten (aber leider ebenso auch “schmerzfreien”) Autoren Bücher selbst und ohne Verlag oder gar finanzielle Vorleistungen zu veröffentlichen.

Und es passiert, was viele nicht wahrhaben wollen: Man kann damit Geld verdienen. Während in Amiland Autoren im Selbstverlag davon leben können oder sogar reich werden, freut man sich hierzulande immerhin über nette “Nebeneinkünfte”. Die E-Book-Bestseller stammen selten von bekannten Verlagen, sondern überwiegend von freien Autoren. Die verlangen nämlich für ein E-Buch (mit seinen Nachteilen wie kein Verleih oder kein Gebrauchtkauf) eben keine 19,99 Euro, sondern oft nur 2,99 Euro bis 7,99 Euro. Laut einer Auflistung von Buchreport sind 7 von 10 E-Buch-Bestsellern im ersten Halbjahr 2012 bei Amazons KDP erschienen — auch die Nummer 1 auf der Liste.

E-Buch-Bestseller

Bestseller ist u. a. “Holunderküsschen” von Martina Gercke. In einem Interview mit Literaturcafé läßt sie sich ein wenig in die Karten schauen. Von Verlagen abgelehnt, probiert sie es einfach aus. Auch hier liegt der Preis des Hausfrauenromans bei sparsamen 2,99 Euro. Im KDP-Modell bleiben davon 70 Prozent für die Autorin, 30 Prozent bekommt Amazon Provision für Technik, Vertrieb und risikoloses Inkasso (bei gedruckten Büchern liegt das Honorar oft bei 10 – 15 Prozent des Netto -Verkaufspreises, der etwa 50 Prozent des Endkundenpreises entspricht). In diesem Fall bleiben für Holunderküsschen rund 2,10 Euro pro Verkauf hängen. Da die Autorin nach etwas Bitten die “Auflage” mit etwa 30.000 Stück angibt, sind das in diesem Fall schätzungsweise 63.000 Euro. — Und jetzt mag es ein Verlag auch drucken.

Ein Sachbuch hat es nicht zuletzt wegen der Aktualität ungleich schwerer. Die Recherche ist aufwendiger, technischer Fortschritt muß eingepflegt werden, mancher Leser ist als “Fachmann” in Details pingeliger — bei E-Books ist dann oft ein kostenloses Update inklusive. Einen Einblick in die Praxis gewährt Wolfgang Tischer, der es mit einem Sachbuch zur Veröffentlichung von E-Books bei KDP versucht (2,99 Euro). Er berichtet in “Das eigene Kindle-E-Book bei Amazon verkaufen” (ebenfalls bei Literaturcafé) regelmäßig über die Weiterentwicklung des Projekts.

Miteinander zum Erfolg

Das ZDF thematisiert in “Der große E-Book-Schwindel” die Schattenseiten des Booms: Falsche Versprechungen, hohe Erwartungen und — zumindest in Deutschland — auch bei Erfolg nur einen geringen ROI. Lesenswert auch das Buchreport-Blog, das Statements unterschiedlicher Leute aus dem Literaturgeschäft sammelt. Leider greifen “totes Holz”-Redakteure immer noch allzu gerne solche Schlagzeilen auf: Eckhart von Hirschhausen – Weshalb das Buch den Bildschirm schlägt. — Da erliegt Herr Hirschhausen einem weit verbreiteten Irrtum: Es geht eben nicht um entweder/oder, sondern eine Ergänzung des Buchmarktes. Und mit komfortablen Lesegeräten ist man eben nicht an einen unhandlichen Computer im Büro gebunden. Meine ersten “richtigen” E-Books habe ich gemütlich im Liegestuhl auf der Terrasse gelesen…

[Update ]

Wer hätte das gedacht — oder bestätigen sich da lediglich Vorurteile: Holunderküsschen-Autorin Martina Gercke steht unter Plagiatsverdacht, wie Buchreport unter “Ein Selfpublishing-Star verglüht” berichtet. Auch Literaturcafé ist vom Plagiatsvorwurf überrascht. Kann man nach den spektakulären “Enttarnungen” von Guttenberg & Co. tatsächlich so naiv sein — die angeführten Textstellen scheinen dies zu belegen. — Und trotzdem spricht dies nicht gegen Selbstverlag und E-Books, auch Verlage lassen sich diesbezüglich gerne von rechtlichen Verpflichtungen freistellen und wälzen somit die Verantwortung ab.

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