Best viewed with Internet Explorer

Internet Explorer 3.0Bei der Konzeption von Online-Aktivitäten folge ich dem Grundsatz “Form folgt Funktion“, eine Richtlinie mit der ich ausgerechnet bei “Webdesignern” nicht gern gesehen bin, die häufig noch immer nach Print-Maßstäben ein “unzerstörbares Layout” und ein Corporate Design auch auf dem Browser durchsetzen wollen. Neben Layouttabellen, Flashnavigation und “blind gif” gehört lange Zeit auch der Hinweis “optimiert für [browser]” zu den “Standards” (inkl. einer Browserweiche für Sonderbehandlung bekannter Bugs).

Bewerbung ist derzeit leider nur mit dem Internet Explorer möglich. (Quelle: Linkedin)

Bewerbung ist derzeit leider nur mit dem Internet Explorer möglich.
(Quelle: Linkedin)

Eigentlich hatte ich diese Auswüchse für überwunden geglaubt, bis ich vor ein paar Tagen über LinkedIn (28.5.2013, Link ist möglw. nicht dauerhaft erreichbar) ein Jobangebot bei für PwC bekomme und dort erstaunt lese: Bewerbung ist derzeit leider nur mit dem Internet Explorer möglich.

Dabei ist zwar nicht klar, ob das ein Hinweis von PwC oder LinkedIn ist und ob dies überhaupt noch zutrifft, aber allein die Existenz eines solchen Hinweises im Jahr 2013 ist schon ernüchternd. Dabei fällt mir ein, daß es lange einen ähnlichen Hinweis bei der Greencard-Lotterie gibt. Dort hat man den Hinweis inzwischen zwar relativiert, aber dennoch heißt es dort: “… it is best supported by Internet Explorer 8.0 or higher” — aktuell ist übrigens die Version 10.

The eDV website will work with a variety of Internet browsers, but it is best supported by Internet Explorer 8.0 or higher. (Quelle: Electronic Diversity Visa)

The eDV website will work with a variety of Internet browsers, but it is best supported by Internet Explorer 8.0 or higher.
(Quelle: Electronic Diversity Visa)

Sicherlich verstehe ich, daß man eine schöne Gestaltung haben oder sogar eine Corporate Identity einhalten möchte, doch was nützt dies, wenn die Reichweite auf Grund technischer Einschränkungen gar nicht erst erzielt werden kann? Ein festes Layout, das darüber hinaus vielleicht sogar proprietäre Eigenschaften eines bestimmten Browsers nutzt, ist seit Beginn des Internets als Massenmedium “unerwünscht”. Außerdem scheint mancher Designer seinen Arbeitsplatz mit Highspeed-DSL und 27-Zoll-Bildschirm für repräsentativ zu halten. Da kann ich gleich noch den zweiten Spruch zum Besten geben: Der Köder muß dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.

Soll heißen: Auf welchen Geräten wird denn meine Website vermutlich angezeigt? Da braucht man nicht erst wissenschaftliche Studien zu bemühen, um zu erkennen, was gerade große PC-Hersteller ins Wanken bringt: Der stationäre PC (mit Internet Explorer) stirbt aus, mobile Geräte mit einer Vielzahl unterschiedlicher Browser sind “in”. Und die haben eher kleine Bildschirme und außerhalb von Ballungszentren eher geringe Zugriffsgeschwindigkeiten.

  • Smartphones mit Bildschirmdiagonalen zwischen 3 und 6 Zoll, was gleichzeitig eine Auflösung von 240 x 320 bis 768 x 1.024 Pixel bedeutet.
  • Tablett-PCs mit Diagonalen von etwa 7 bis knapp 11 Zoll
  • Unterschiedliche Seitenverhältnisse zwischen ausgewogenem 3 : 4 bis zum Handtuch mit 16 : 9.
  • Netbooks, meist mit 10-Zoll-Bildschirm (oder geringfügig kleiner)
  • Ultrabooks mit 11 bis 14 Zoll.
  • Es gibt auch Fernseher, die irgendwie Internet können, aber garantiert nicht IE.
  • Flash ist vor zehn Jahren ein toller Zwischenschritt um Animationen ins Netz bringen zu können, läßt sich jetzt aber weitgehend ersetzen.
  • Dazu kommt der Hype von hohen Auflösungen: Viele Pixel bedeuten eben nicht automatisch “großer Bildschirm”.
  • Theoretisch können mobile Geräte mit LTE schneller ins Internet als lokales DSL, praktisch wird die Bandbreite auf alle Nutzer aufgeteilt und für Wenigzahler zusätzlich gedrosselt — man sollte sich ruhig ein wenig an Modemtugenden erinnern.

Und wer nicht auf den gesunden Menschenverstand hören mag, kann sich ja bei Webhits einmal die Statistik über gängige Auflösungen ansehen (dort kann man allerdings mobile Anwender nicht sicher erkennen). Problem: Seit dem “Retina”- und HD-Hype kann man von der Auflösung nicht mehr auf die Bildschirmgröße schließen. Das heißt, daß sich hinter 768 x 1.024 Pixel sowohl ein Highend-Smartphone als auch ein heimischer PC mit kleinem Monitor oder ein durchschnittlicher Tablett-PC verbergen können — allerdings mit beträchtlichen Unterschied in der Darstellungsgröße und somit Bedienbarkeit der Navigation usw. Dies kann man bis zu einem gewissen Grad herausfiltern, in dem man Auflösung und Browserkennung korreliert, also mit bekannten mobilen Varianten oder bezogen auf Android oder iOS. Einen entsprechenden Anhaltspunkt findet man beispielsweise bei den “GlobalStats” vom Besucherzähler StatCounter.

Dort erkennt man, daß einerseits noch eine Menge mobiler Nutzer mit sehr niedrigen Bildschirmauflösungen unterwegs sind und andererseits sehr viele unterschiedliche Formate verwendet werden. Aber genau dafür ist die Auszeichnungssprache HTML ja auch gemacht, nur leider halten sich gerade “Experten” nicht daran. Darüber hinaus kann man natürlich auf seiner Website eine eigene Auswertung vornehmen — und vielleicht auch feststellen, daß entnervte Nutzer an bestimmten “optimierten” Stellen aussteigen…

GlobalStats -- mobile BrowserFazit

Ja, es ist sinnvoll, sich mit dem Thema Browser auseinanderzusetzen, aber nicht um einzuschränken oder um bei Bugs herumzuprogrammieren, sondern um möglichst universell zu sein. Unter dem Strich ist das alles ziemlich weit weg vom “Best viewed with Internet Explorer“, Flexibilität des Designs ist gefragt und Umdenken bei den “Entscheidern”, die sich meist an Farben und Schrift festbeißen, die Funktionalität sowie die Inhalte vollkommen aus den Augen verloren haben (da kämpft man als Entwickler mit journalistischem Hintergrund gegen Windmühlenflügel)!

Als “Nebenwirkung” ist eine “lehrbuchmäßige” Entwicklung auch sinnvoll, weil das E-Book-Format ebenfalls auf (X)HTML-Technik basiert und man so sich einfach sauberes Arbeiten für ebenfalls sehr unterschiedliche Geräte angewöhnt und ggf. Inhalte leichter übernehmen kann. Noch immer wird das E-Buch-Format zu eng mit einem (Unterhaltungs-) Buch assoziiert und nicht allgemein mit Textinhalten (aber das ist ein anderes Thema).

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