40-Euro-Tablett — Lieferung & Praxistest

Nicht selten flattert mir zum Wochenende ein Prospekt ins Haus, der einen Tablett-PC für 70 Euro anpreist. Taugt denn so etwas? Ich setze noch eins drauf und recherchiere im Internet nach einem noch besseren Preis.

Viel Computer für wenig Geld.

Was taugt ein Tablett-PC für rund 40 Euro..?

Ich suche dort, wo sowieso fast alle Computer herkommen, direkt bei einem Anbieter in Hong Kong (siehe “40-Euro-Tablett — Recherche & Bestellung“). Ich stoße auf ein Gerät, das mich um die 40 Euro kostet und kann nun die Probe aufs Exempel machen — was bekomme ich für mein Geld?


Lieferung

Am 8. März klingelt kurz nach 11 Uhr der Postbote — ein Einschreiben: Das Tablett ist eingetroffen, fast auf die Stunde genau 18 Tage nach der Bestellung. Glück gehabt, auch der Zoll hatte nichts zu beanstanden. In dem wattierten Umschlag findet sich ein sparsam beschrifteter Karton. Er enthält das Tablett, ein US-Netzteil, eine normales USB- und ein OTG-Anschlußkabel sowie ein Anleitungsheftchen. Wer schon Erfahrung mit Android und einem Tablett-PC oder Smartfon hat, legt das Heftchen mit den spärlichen Angaben in Mirkoschrift zur Seite, man kann prinzipiell wie gewohnt loslegen. Allerdings ist das Gerät nicht geladen bzw. hat sich auf der langen Reise fast vollständig entladen. Her mit dem Netzteil! Obwohl der Anbieter sogar einen deutschsprachigen Bereich im Shop hat, ist das Netzteil amerikanisch und auf meine Anfrage schon während der Bestellung hat er leider nicht reagiert. Zum Glück habe ich aus einer anderen Bestellung einen englischen Adapter herumliegen, der ebenfalls seinen Zweck erfüllt.

Für Europa müssen es mindesten 230 Volt sein.Achtung: Fast alle elektronischen Geräte, die an Wechselstrom (“AC”) angeschlossen werden, sind auf 110 – 230 Volt ausgelegt. Für Amiland bestimmte Geräte könnten aus Ersparnisgründen möglicherweise auf 110 Volt beschränkt sein. Deshalb sollte man bei Geräten für fremde Regionen kontrollieren, ob sie bzw. der Adapter auch die höheren Werte von mind. 230 Volt in Deutschland verkraften!

Das Netzteil wird nicht via USB, sondern über einen gesonderten kleinen Stecker angeschlossen. Dieser ist leider so filigran, daß es schon etwas Fingerspitzengefühl erfordert, ihn anzuschließen ohne ihn abzubrechen… Während das Gerät lädt, kann man aber schon damit herumspielen und erste Eindrücke sammeln.

Tablet(t) startklar machen

Wer schon Erfahrung mit Android hat, findet sich sofort zurecht. Installiert ist auf meinem Exemplar die Version 4.0.4 sowie eine kleine Grundausstattung an Software. Dies ist in ganz angenehm, weil man so das Tablett sofort und anonym — nämlich ohne Registrierung bei Google — sinnvoll nutzen kann.

Grundausstattung auch ohne Google-Anmeldung.

Grundausstattung auch ohne Google-Anmeldung.

  • Browser — fürs Surfen im WWW
  • E-Mail — auch ohne Google-Account
    (dazu gibt’s zusätzlich Google Mail)
  • Datei-Manager — gut für den USB-Stick (OTG)
  • Kamera & Galerie — Fotografie und Filmen
  • Musik — für mp3 und Hörbuch
  • Rechner — man kann ja nie wissen…

Eigentlich muß man zur Inbetriebnahme nichts groß konfigurieren, wer Internet und E-Mail nutzen möchte, braucht natürlich WLAN. Das heimische WLAN wird problemlos erkannt, für E-Mail kann ich natürlich auch meine normale E-Mail-Adresse verwenden, die muß nicht von Google sein. Dazu muß man sich allerdings mit der Konfiguration auskennen (pop3, smpt usw.), was man notfalls aus einem funktionierendem E-Mail-Programm abschreiben kann. Darüber hinaus stelle ich lediglich Datum und Zeit ein. Die Einstellung “Zeit aus Netzwerk beziehen” klappt, die “Automatische Zeitzone” wird allerdings nicht richtig erkannt. Hier stellt man eine deutsche Stadt an Hand der Liste ein bzw. UTC +1 (fälschlicherweise als GMT angegeben).

Tablet(t) der Praxis

Ein wichtiges Auswahlkriterium ist für mich die Kamera auf der Rückseite, damit man auch Fotos und Videos machen kann (als Notiz, nicht als “Fotoapparat”). Außerdem ist sie Voraussetzung für “augmented reality”, zum Beispiel bei Apps die Barcodes für Produktinfos scannen (während die Kamera auf der Vorderseite nur für Videotelefonate taugt).

Die Kamera macht nicht wirklich Freude....

Die Kamera macht nicht wirklich Freude….

Die Bildqualität ist allerdings eher enttäuschend, da sie offenbar erheblich Probleme bei grellem Sonnenlicht hat (natürlich auch bei Dunkelheit), vermutlich auch wegen der damit verbundenen harten Kontraste. Dazu kommen ein Farbstich und Schwächen bei der Schärfe. Normalerweise kann man mit der Bildbearbeitung auch Smartfon-Fotos noch mächtig aufpolieren, doch hier bin ich jetzt außerdem bei der behaupteten Auflösung skeptisch: Die Kamera hat zwar laut Beschreibung und den Dateiangaben mit 1.600 x 1.200 Punkten eine Auflösung von knapp 2 Millionen Pixel — in den Exif-Daten steht dagegen 320 x 240 Pixel (wie für die Frontkamera). Gefühlt liegt sie irgendwo in der Mitte. Möglicherweise verschlimmert eine zu starke interne JPG-Komprimierung die Qualität, da die Bilder auch verwaschen wirken. Trotzdem möchte ich sie nicht perse als “unbrauchbar” einstufen, da sie für “Notizen” oder virtual Reality geradeso taugt (die Front-Kamera ist vergleichbar). Trotzdem schade, da ich mit meinem Smartfon gerade bei gutem Licht schon manch brauchbaren Schnappschuß machen konnte.

Dank OTG kann man einen USB-Stick anschließen.

Dank OTG kann man einen USB-Stick anschließen.

Zum Glück gibt es ja OTG mit der man externe Speicher verwenden oder eine fette Spiegelreflexkamera fernsteuern kann (leider nicht mehr mit Helicon Remote — Alternativen?). Der USB-Stick mit dem kleinen Fotoarchiv wird erkannt, über den mitgelieferten Dateimanager kann man sich die Bilder sofort ansehen.

Habe auch mal ein Spielchen getestet, allerdings nicht aus dem Bereich High-Performance. “Tower Defense” läuft wie vom großen Bruder gewohnt.

Tower Defense kommt mit dem Tablett klar.

Tower Defense kommt mit dem Tablett klar.

Auch Musik und Videos habe ich zu Testzwecken einmal angespielt (übrigens direkt vom USB-Stick). Der eingebaute Player bietet zwar keinen besonderen Komfort, doch spielt “alles” ab. Besonders Videos, die im 16:9-Format den Bildschirm füllen, können bis zu einem gewissen Grad Spaß machen. Die Lautsprecher sind allerdings relativ leise und eher für Video, Games oder Signale wie den Wecker geeignet, aber man kann über 3,5-mm-Klinke ja auch noch besseres anschließen.

Noch mehr Technik

So ein Tablett ist ja vom Grundgedanken her ein sehr mobiles Gerät, andererseits wird es als “second screen” oft nur daheim auf dem Sofa eingesetzt. Deshalb sind Gewicht und Akkulaufzeit (gerade bei einem Preisbrecher) relativ zu bewerten. Ich habe jetzt keine Belastungstests mit der Stoppuhr in der Hand gemacht, sondern es wie mein anderes Gerät ausprobiert: Konfigurieren, Kamera testen, Webseiten aufrufen, draußen mit hoher Helligkeit. Dabei geht es mit dem Akku im Dauerbetrieb relativ schnell bergab (schätze ca. 2 – 3 Stunden). Doch wenn man das Gerät eben auch einmal beiseite legt, die Bildschirmbeleuchtung ausschaltet (was bei TFT ja noch ziemlich hell ist) und auch das WLAN deaktiviert, wendet sich das Blatt (siehe Knick nach oben in der Verlaufskurve).

Bei sparsamen Umgang kommt man auf rund sechs Stunden Laufzeit.

Bei sparsamen Umgang kommt man auf rund sechs Stunden Laufzeit.

So komme ich mit “Trickserei” am Ende auf 6 Stunden und 3 Minuten. Im häuslichen Bereich kann man dann ja auch das Netzteil anschließen, das in diesem Fall mit 2 Ah es flott wieder lädt. Die “Wahrheit” wird irgendwo dazwischen liegen, vermutlich bei ca. 3½ Stunden.

Mit einer CPU und “nur” einem Kern gibt es keinen Geschwindigkeitsrausch, der Benchmark “AnTuTu” vergibt die Note “poor” (4388 Punkte). Doch E-Mail, meine Apps und auch Websites arbeiten zufriedenstellend (es kommt auf die Komplexität im Einzelfall an). Wenn man ein 7-Zoll-Gerät in der Hand hält, 7 Zoll sind sehr handlich.überrascht der Formfaktor, denn es ist buchstäblich handlich. Allerdings bestätigt sich (für mich), daß es für die Darstellung von Websites und einigen Apps etwas zu schmal ausfällt — ein 8-Zoll-Gerät fürs Büro zu kaufen, ist goldrichtig.

7 Zoll sind sehr handlich.

Umgekehrt kommt das schlanke Design Hangout zu Gute (Skype bleibt leider taub/stumm). Ein kleines Ärgernis ist außerdem Android geschuldet: In dieser Version sind die Bedienelemente unten links angeordnet, was bei dem recht zierlichen Gerät gelegentlich zu Fehlbedienung führt, wenn man es links unten hält.

Ein bißchen hakelig ist übrigens der direkte Anschluß des Gerätes via USB als Massenspeicher an den PC: Er hat ihn immer Mal wieder abgemeldet. Mich stört das in der Praxis nicht, weil ich Bilder i. d. R. per Dropbox-Kamera-Upload direkt auf dem Büro-PC transferiere.

Fazit: Tablett-PC aus Billighand.

Wenn man das Tablett aus der Packung nimmt, überrascht es mit durchaus ordentlicher Verarbeitung. Das Gehäuse ist bündig und knarzt nicht, die Tasten haben einen klaren Druckpunkt. Der Micro-USB-Anschluß ist leider generell fummelig, leider auch der Stromanschluß mit einem besonders dünnen Steckerchen — hier droht möglicherweise langfristig Ärger und Laden muß man ja leider öfter (möglicherweise der dickste Minuspunkt). Ärgerlich auch der US-Stecker, den man mit einem zusätzlichen Adapter erweitern muß, dafür hat das Netzteil mit 2 Ah ordentlich Dampf, so daß das Gerät schnell aufgeladen wird. Die Akkulaufzeit ist für diese Preisklasse mit 2 bis 6 Stunden vollkommen in Ordnung, ebenso wie das TFT-Display, das beim direkten Blick ein gutes Bild liefert (am besten m. E. im Hochformat).

Daß es überhaupt möglich ist, in dieser Preisklasse ein funktionierendes Gerät anzubieten, das kein Fake ist, beeindruckt. Aber: Auch wenn es jetzt einen akzeptablen Eindruck hinterläßt, bei der nächsten Lieferung kann so ein Gerät natürlich anders ausgestattet und verarbeitet sein. Auch würde ich so ein Gerät von einem deutschen Lieferanten wahrscheinlich zurück geben, zumal es dort um die 70 Euro kosten würde (mit etwas besserer Ausstattung, z. B. Dual-Core). Sicherlich muß man für 40 Euro eine Menge Kompromisse machen. Nicht zuletzt wegen des Akkus ist es weniger ein “immer dabei” als vielmehr ein “second screen” und “nebenbei”-Gerät. Mir reicht es aber vollkommen, wenn es für Hangout und “Clever tanken” sowie E-Mail seinen Zweck auf dem Wohnzimmertisch erfüllt (statt extra einen PC oder Laptop hochfahren zu müssen). So ist eine Bestellung beim “Chinamann” also immer ein kleines Abenteuer.

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